Alles andere als beschaulich. – Ostern in Florenz

„Um 3/4 12 Uhr ist der ganze Domplatz schwarz von Volk, dennoch strömen immer neue herzu. Ganz Florenz ist auf den Beinen, es müssen viele Tausende sein. Aus allen Straßen strömt es noch gegen den Dom her. (…) Punkt 12 Uhr mit dem Kanonenschuss beginnen alle Glocken zu läuten, das Volk jubelt, die Luft ist voll Getöse. So muss es an den großen Festen des alten Florenz geklungen haben.“

(Hermann Hesse, Tagebucheintrag vom 6. April 1901)*

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Kaum nähern sich die Osterfeiertage, so schieben sich die Touristen durch die Arnostadt. Mit jedem Tag werden es mehr, mit jedem Tag wird es nerviger, sich durch die Massen zur Sprachschule zu kämpfen. „Nie nie wieder komme ich an Ostern nach Florenz! Das ist ja verrückt!“, schimpfe ich vor mich hin, v.a. wenn ich spät dran bin.

2009 verbrachte ich den gesamten Monat April in Florenz, also erlebte ich auch unweigerlich das Osterfest in dieser Stadt mit. Nun gut, Ostern hat – auch wenn es das Hauptfest der Christenheit ist – keine so große Bedeutung in Deutschland, wie es etwa Weihnachten hat. Ich erwartete nicht viel außer einem schönen Frühlingstag in der Arnostadt. Bald erfuhr ich aber, dass es ein besonderes Highlight an Ostern gibt: Den Scoppio del Carro, was übersetzt soviel heißt wie „Die Explosion des Wagens“. Und was soll ich sagen? Besser könnte man dieses Spektakel nicht zusammenfassen.

Die Tradition des Scoppio del Carro geht auf den ersten Kreuzzug zurück, als ein Mitglied der Familie Pazzi zum Dank für seine Tapferkeit im Heiligen Land ein paar Feuersteine vom Grab Christi erhielt. Diese Feuersteine werden heute in der Kirche Santi Apostoli aufbewahrt und ihr Segen sowie das heilige Feuer, das damit am Ostersonntag entzündet wird, soll im wahrsten Sinne des Wortes über die ganze Stadt gebracht werden.
Dazu haben sich die Florentiner etwas Besonderes einfallen lassen: Ein jahrhundertealter Karren wird von mit Bändern und Blumen geschmückten weißen Ochsen in einer langen, prachtvollen Prozession direkt vor das Hauptportal des Duomo gezogen. Beladen ist er mit Feuerwerk (keine Sorge, die Ochsen werden in Sicherheit gebracht!). Nun wird ein Draht zwischen Hauptaltar und Karren gespannt, an diesem Draht wiederum eine Rakete in Taubenform befestigt („la Colombina“), die der Kardinal von Florenz während der Zeremonie mithilfe der heiligen Feuersteine entzündet. Daraufhin rast die Colombina durch das Hauptschiff des riesigen Domes und entzündet hoffentlich die Feuerwerkskörper am Karren, der nun für eine gute halbe Stunde ohrenbetäubend knallt und kracht und in den Stadtfarben Violett und Rot die Funken sprühen lässt. Die Leute jubeln, denn wenn die Explosion des Karrens glückt, bedeutet das ein gutes Jahr für die Stadt. Die heutige Form bekam dieser Brauch bereits Ende des 14. Jahrhunderts.

Ja, nichts mit friedlichem Eiersuchen im Sonnenschein, niedlichen Osterhäschen und blühenden Narzissen, wie wir es von den gutbürgerlichen Bräuchen aus Deutschland kennen. Ostern in Florenz ist alles, aber sicher nicht beschaulich.

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Ach ja, mein erster Gedanke nach dem Scoppio war: „Wahnsinn! Ich muss unbedingt noch mal an Ostern nach Florenz!“
Aber ich geben zu, ich glaube ja, dass es einen Grund haben muss, warum dieser Brauch auf die „Pazzi“ zurückgeht, was nichts anders heißt als „die Verrückten“.

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Lesetipp:

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* Zitat entnommen aus: Hesse, Hermann: Italienische Reise 1901. Tagebuch der ersten Italienreise, in: Volker Michels (Hrsg): Hermann Hesse. Sämtliche Werke Bd. 11: Autobiographische Schriften 1, S. 209.


Ich reiche diesen Beitrag nach für die Blogparade „Feste um die Welt

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10 Gedanken zu “Alles andere als beschaulich. – Ostern in Florenz

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