Die Schönheit der Vergänglichkeit: Ein Spaziergang über den Cimitero Monumentale in Mailand

I.
Des Lebens Karawane zieht mit Macht
Dahin, und jeder Tag, den du verbracht
Ohne Genuß, ist ewiger Verlust.
Schenk ein, Saki! Es schwindet schon die Nacht.

Cimitero Monumentale, Milano

II.
Weißt du, warum bei jedes Frührots Schein
Der Hahn dich schreckt durch sein eindringlich Schrein?
Weil wieder eine Nacht vom Leben schwand,
Und du schläfst sorglos in den Tag hinein.

Cimitero Monumentale, Milano

IV.
Geschlechter sind erglüht wie helle Funken,
Haben gelebt, geliebt, gehaßt, getrunken;
Sie leerten hier ein Glas und sind verlöscht,
Sind in den Staub der Ewigkeit versunken.

Cimitero Monumentale, Milano

V.
Die goldnen Lichter, die am blauen Weltrad gehn,
Haben sich viel gedreht und werden viel sich drehn. –
Und wir, im ew’gen Kreislauf der Erscheinungen,
Kommen auf kurze Zeit, um wieder zu vergehn.

Cimitero Monumentale, Milano

VI.
Was hat dies Weltrad nicht viel edles Blut vergossen!
Wie manche Blume welkt, die kaum der Erd‘ entsprossen!
Verlaß dich, Knabe, nicht auf deiner Jugend Glanz!
Wie manche Knospe fiel, ehe sie noch ward erschlossen!

Cimitero Monumentale, Milano

IX.
Was hab‘ ich denn von all des Lebens Plagen? – Nichts!
Von aller meiner Müh‘ davongetragen? – Nichts!
Was nützt mir’s, daß ein Licht ich war, wenn ich verbrannt?
Was nützt das Glas Djemschids, wenns doch zerschlagen? – Nichts!

Cimitero Monumentale, Milano

X.
All unser Leben und Streben – was taugt’s?
Und all unser Wirken und Weben – wer braucht’s?
Im großen Schicksalsofen verbrennt
So vieles Edle und Gute – wo raucht’s?

Cimitero Monumentale, Milano

XI.
Wenn längst wir nicht mehr sind, wird sich dies Weltrad drehn,
Wenn unsre Spuren längst im Sand der Zeit verwehn.
Einst waren wir noch nicht -und ’s hat nichts ausgemacht;
Wenn einst wir nicht mehr sind – wird’s auch noch weitergehn.

Cimitero Monumentale, Milano

XII.
Was kann das Leben uns denn nun noch weiter frommen?
Was es uns etwa bringt, wird uns auch gleich genommen! –
Wüßten die Ungebornen nur, wie wenig wir
Vom Leben ziehn – sie würden nicht erst kommen.

Cimitero Monumentale, Milano

XVII.
Einst schwebte dieser Krug, wie ich, in Liebesbangen,
In dunkler Locken Netz war er, wie ich, gefangen;
Und was am Hals des Krugs als Henkel du erblickst,
War eine Hand einst, die der Liebsten Hals umfangen.

Cimitero Monumentale, Milano

XVIII.
Gestern zerschlug ich meinen Krug mit Wein
In meiner Trunkenheit an einem Stein.
Da sprach des Kruges Scherbe: „Wie du bist,
War ich, und wie ich bin, wirst du einst sein.“

Cimitero Monumentale, Milano

XX.
O komm, Geliebte, komm, es sinkt die Nacht,
Verscheuche mir durch deiner Schönheit Pracht
Des Zweifels Dunkel! Nimm den Krug und trink,
Eh‘ man aus unserm Staube Krüge macht.

Cimitero Monumentale, Milano

XXIII.
Nimm an, dein Leben sei ganz nach Wunsch gewesen – was dann?
Und wenn das Lebensbuch nun ausgelesen – was dann?
Nimm an, du lebtest in Freuden hundert Jahr –
Nimm mein’thalb an, es seien zweihundert gewesen – was dann?

Cimitero Monumentale, Milano

XXIV.
Und lebtest du dreihundert Jahr und drüber noch hinaus,
Aus dieser Karawanserei mußt du einst doch hinaus.
Ob du ein stolzer König warst oder ob bettelarm,
Das kommt an jenem letzten Tag aufs selbe doch hinaus.

Cimitero Monumentale, Milano

XXV.
Von allen, die den weiten Weg gemacht,
Hat keiner Nachricht noch zurückgebracht.
Laß nur nichts liegen in dieser Herbergswelt!
Nie kehrt zurück, wer sich erst aufgemacht.

Cimitero Monumentale, Milano

XXVI.
Der Jugend Buch ist aus – und war doch kaum begonnen!
Kaum hat der Lenz geblüht, ist er auch schon verronnen.
Ich merkt‘ nicht, wie sie kam, noch wie sie flog davon,
Die holde Nachtigall, die Zeit der Jugendwonnen.

Cimitero Monumentale, Milano

XXVII.
O Zeltmacher, dein Leib gleicht einem Zelt,
Der Sultan „Geist“ nur kurze Rast drin hält.
Und wenn der Sultan sich zum Aufbruch schickt,
Dann kommt der Tod und bricht es ab, das Zelt.

Cimitero Monumentale, Milano

XXVIII.
Von dieser Erdenwelt scheid‘ ich nun ab,
Die kurze Zeit lang mir ein Obdach gab;
Von allen Rätseln ward mir keins gelöst,
Und tausend Zweifel nehm‘ ich mit ins Grab.

Cimitero Monumentale, Milano

XXIX.
Als ich noch in der goldnen Jugend stand,
Schien mir des Daseins Rätsel fast bekannt
Doch jetzt, am Schluß des Lebens, seh‘ ich wohl,
Daß ich von allem nicht ein Wort verstand.

Cimitero Monumentale, Milano

LXXVII.
Mit Weltschmerz deine Seele plage nicht!
Um das, was einmal hin ist, klage nicht!
An Wein und süßen Lippen lab dein Herz,
Und in den Wind dein Leben schlage nicht!

Cimitero Monumentale, Milano

Omar Khayyâm
(1045 – 1122)

(das ganze Gedicht gibt es hier zu lesen)

Cimitero Monumentale, Milano

Cimitero Monumentale, Milano

Cimitero Monumentale, Milano

Cimitero Monumentale, Milano

Cimitero Monumentale, Milano

Cimitero Monumentale, Milano

Cimitero Monumentale, Milano

Cimitero Monumentale, Milano

Cimitero Monumentale, Milano

 

Lesetipps: 

Mehr Bilder von italienischen Friedhöfen gefällig?

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7 Gedanken zu “Die Schönheit der Vergänglichkeit: Ein Spaziergang über den Cimitero Monumentale in Mailand

    • Ich bin vor vielen Jahren mal auf das Buch von Isolde Ohlbaum gestoßen – großartige Fotografien von Friedhöfen. Danach habe ich auch angefangen, mit anderem Blick über Friedhöfe zu gehen. Im Laufe der Jahre wurde meine Friedhofsfotografie auch immer besser 😀 Es braucht ein bisschen Training, habe ich festgestellt. (Und natürlich auch einen tollen Friedhof…)

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  1. Pingback: Blogbummel Oktober 2016 – Teil 2 – buchpost

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