Neue Serie: Frauen reisen in den Orient

So ging ich in Stambul traumwandlerisch umher (…) und sah eigentlich über das ansteigende Dächermeer hinweg immer zum asiatischen Ufer hinüber. Dort begann eine andere Welt, – die fahlen, wie erstarrte Wogen aneinandergereihten Hügel Anatoliens, dort wehten größere Winde, verhallte die Menschenstimme, weideten glänzende Herden auf unermeßlichen Weiden, dort gab es Rauchopfer, die sich fortsetzten von Steppe zu Steppe, ostwärts bis zu den schlitzäugigen Nomaden Turkestans und immer weiter bis an das Gelbe Meer, – dort war die Schwelle, die ich überschreiten musste…“1 

— Annemarie Schwarzenbach, 1940

StateLibQld_1_166831_Unidentified_woman_on_a_camel,_ca._1880

unbekannte Frau auf einem Kamel, Wikicommons

Immer wieder gab es Frauen, die es aus der vermeintlich „zivilisierten“, „freien“ westlichen Welt in den Orient zog. Allein wischen 1839 und 1920 erschienen mehr als 200 Texte über den Orient, die von Frauen verfasst worden waren.2 Klassiker der Reiseliteratur, wie die Orientberichte von Annemarie Schwarzenbach und Ella Maillart entstanden erst später – ebenfalls nicht eingerechnet die Vielzahl an Berichten, die heute von Frauen geschrieben werden, denn die Begeisterung für den Orient hält nach wie vor an.

Dabei ist Orient ein schwammiger Begriff; weder war er früher genau definiert, noch ist er es heute. Er diente – und dient – eher als Gegenbild zum Okzident, zur westlichen Welt.

Mehr denn je erscheint uns heute diese Faszination für die orientalischen Länder eigenartig – gerade wenn diese Faszination von Frauen geäußert wird. Unser Bild des Orients – wo auch immer wir ihn verorten – ist heute in erster Linie eines von politischem Islam, Radikalismus, Krieg, Frauenverachtung und Diktatur, geprägt von den vielen Schreckensmeldungen aus den Medien.
Vieles davon gab es gestern genauso wie heute, doch die muslimischen Länder darauf zu reduzieren, greift zu kurz. Und so berichten die Morgenlandfahrerinnen – die früheren und die modernen gleichermaßen – von den Schrecknissen genauso wie von den guten Seiten, von Unfreiheit und den Problemen, mit denen Frauen konfrontiert sind wie von der Schönheit der Wüste, der Pracht der Moscheen, der Gastfreundschaft der Menschen und der Vielzahl der Kulturen, die sich in dem Teil der Welt zusammenfinden, den man im Westen so leichtfertig früher als „Orient“ heute als „arabischen Raum“, „Mittleren Osten“ oder „muslimische Welt“ bezeichnet, als handle es sich dabei um eine homogene Region.

Seit meiner Usbekistan-Reise vor drei Jahren spürte auch ich die Faszination, die vom Orient – ich verwende ganz bewusst weiter dieses ungenaue, mit Bildern aufgeladene Wort – ausging. Ein Jahr später zog es mich nach Marokko. Nun plane ich wieder eine Reise in diese Region. Und je mehr ich darüber las, desto mehr fragte ich mich:

Was zog und zieht Frauen denn eigentlich in den Orient – allen Risiken und geschlechtsspezifischen Problemen zum Trotz?
Wo liegt für sie die Faszination?
Und wie nehmen sie diese Länder, die dortige Gesellschaft wahr?

Diese Fragen haben mich nicht mehr losgelassen und deshalb beschloss ich, ihnen eine ganze Reihe auf meinem Blog zu widmen. Ich las Bücher über und von weiblichen Orientreisenden seit dem 18. Jahrhundert, entdeckte viele Gemeinsamkeiten – trotz der zeitlichen Distanz – und viele Mechanismen, die heute noch wirksam sind, in Orient wie Okzident. Selbst die Kopftuchdebatte ist nicht neu.
Und ich stellte einigen Bloggerinnen – quasi neuzeitlichen Morgenlandfahrerinnen – ein paar Fragen über ihre Erlebnisse mit dem Orient, ihre Erfahrungen als weibliche Reisende und ihre Faszination für diesen Teil der Welt.

Artikel der Serie:

Teil 1: Wenn Frauen ohne Männer reisen
Teil 2: Interview mit Katharina von Diverettes
Teil 3: Interview mit Weltenbummlerin Ivana
Teil 4: Ein Semester in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ein Gastbeitrag von Alexandra von Itinera Magica
Teil 5: Interview mit Sabrina von Felibrina
Teil 6: Als Frau mit dem Auto durch den Orient. Ein Gastbeitrag von Tina von Der Taucherblog
Teil 7: Interview mit Esther von In 80 Tagen um die Welt
Teil 8: Interview mit Steffi von A World Kaleidoscope

cropped-img_0722-bearb-21.jpg

In den kommenden Wochen werden also mehrere Teile erscheinen:

Ein einführender, eher „theoretischer“ Artikel über historische Reisen von Frauen in den Orient und über die Erkenntnis, die ich beim Lesen hatte, dass sich Vieles für weibliche Reisende doch nach wie vor nicht geändert hat – und zwar auch in ihren westlichen Heimatländern.

Alexandra von Itinera Magica wird einen Gastbeitrag über ihre Erfahrungen in den Vereinigten Arabischen Emiraten schreiben, in denen sie während ihres Studiums ein Semester verbracht hat.

Spontan in das Projekt eingestiegen ist Tina von Der Taucherblog, die über ihre Roadtrips durch den Orient berichtet.

Zudem werden Vier Interviews erscheinen:
Zum Beispiel mit Ivana vom Weltenbummlerin Blog, die seit den späten 1980er Jahren alleine durch die muslimische Welt reist, unter anderem erlebte sie auch Syrien vor dem Bürgerkrieg.

Auch Katharina von Diverettes hat mir einige Fragen beantwortet. Fasziniert v.a. von der Unterwasserwelt Ägyptens ließ sie sich dort für einige Jahre als Tauchlehrerin nieder.

Sabrina von Felibrina reiste als Jugendliche zum ersten Mal mit ihrer Großmutter nach Nordafrika. In den letzten fünf Jahren reist sie wieder vermehrt – auch mit kleiner Tochter – in erster Linie nach Marokko.

Stefanie von A World Kaleidoscope reist seit Jahren alleine als Backpackerin in die nicht unbedingt typischen Backpackerländer, darunter auch die Türkei, der Iran oder Usbekistan.

Und auch Esther von In 80 Tagen um die Welt hat sich als Studentin der Orientalistik spontan dem Projekt angeschlossen und einige Fragen beantwortet.

All diesen Frauen ist gemein, dass sie diese Länder, dass sie den Orient aus eigener Anschauung kennen und keine von den schönen Seiten geblendet die Kritikpunkte aus den Augen verlieren würde. Genauso wenig wie sie aufgrund von Horrormeldungen in den westlichen Medien den Blick für die Schönheit und Freundlichkeit verloren hätte.

Ihr dürft euch also auf interessante Einblicke gefasst machen.


1 Schwarzenbach, Annemarie: Orientreisen. Reportagen aus der Fremde, Edition Ebersbach: Berlin, 2. Aufl., 2011, S. 30.
2 Hodgson, Barbara: Die Wüste atmet Freiheit. Reisende Frauen im Orient 1717 bis 1930, Gerstenberg Verl.: Hildesheim, 2006, S. 173.
Advertisements

12 Gedanken zu “Neue Serie: Frauen reisen in den Orient

  1. Pingback: Tipps von und für alleinreisende Frauen (Linkliste) | wandernd

Kommentar verfassen - gerne mit inhaltlich passenden Links!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s