Frauen reisen in den Orient – Teil 3: Interview mit Weltenbummlerin Ivana

weltenbummlerin_de_jemenDiesmal beantwortete mir Ivana von weltenbummlerin.de meine Fragen. Sie reist seit mehr als 25 Jahren mit dem Rucksack durch die Welt, 1989 war sie zum ersten Mal im Orient, nämlich in Ägypten. Sie besuchte zahlreiche Länder, darunter auch Syrien bevor es vom Bürgerkrieg verwüstet wurde.
Auf ihrem Blog findest Du viele Tipps für individuelles Reisen, egal ob es um Ausrüstung oder einzelne Orte geht. Vor allem allein reisenden Frauen gibt sie viele praktische Tipps, denn sie ist sehr viel allein in Asien und in arabischen Ländern gereist.


Erzähle uns erst einmal von deinen Reisen in den Orient:

Meine Reisen in den Orient haben mich seit 1989 nach Ägypten (insgesamt 5 Mal), Libyen, Syrien, Jordanien, Libanon (nur ein Tagesausflug von Damaskus) und in den Jemen geführt. Ich war immer zwischen 2 und vier Wochen unterwegs und meist auch allein. Die einzigen Ausnahmen hier waren der Jemen und Libyen.

In den Jemen ohne arabische Sprachkenntnisse und dazu als Frau allein zu fahren habe ich schon vor dem Bürgerkrieg für zu riskant gehalten, denn die Entführungen von Touristen wurden immer brutaler. Dennoch haben mich die Bilder aus diesem Land immer wieder fasziniert und so bin ich mit einer Gruppe gereist. In die Sahara ohne Wüstenerfahrung allein zu reisen halte ich für ziemlich gefährlich, also war da auch wieder eine Gruppenreise die einzige Option für mich, die Sahara und Libyen zu erleben.

Alle anderen Reisen nach Ägypten, Syrien, Jordanien und meinen Abstecher in den Libanon habe ich allein organisiert und durchgeführt.

Ich war dort immer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Das bedeutet meistens mit dem Bus, in Ägypten kann man auch entlang des Nils mit dem Zug fahren.

Wie kamst Du auf die Idee einer Reise in den Orient und was ließ dich zurückkehren?

Meine erste Reise führte mich nach Ägypten, weil mich schon immer die altägyptische Kultur fasziniert hat. Daher war es ganz logisch, dass ich dort unbedingt hinfahren wollte. Ägypten ist mit den satten grünen Landschaften am Nil, den uralten Tempeln, den Oasen, den Weiten der Wüste und den tollen Kalksteingebilden in der Weißen Wüste einfach auch mehrere Reisen wert. Obwohl ich schon mehrere Male dort war, habe ich es noch nicht zum Tauchen oder auf den Sinai geschafft. Es gibt da also noch eine Menge für mich zu entdecken.

Nach Ägypten wollte ich auch andere orientalische Länder besuchen. Was mich genau hinzieht kann ich schlecht beschreiben. Es ist irgendwie ein Mix aus 1001 Nacht, kargen und doch reichen Landschaften, engen Gassen in den Suks, eine geheimnisvolle andere Welt. Und nicht zuletzt haben wir den Gelehrten aus dem Orient so viel zu verdanken. Die Schrift, Astronomie, Mathematik, Medizin, vieles hat hier ihren Ursprung, gerade im antiken Zweistromland.

Ich wäre auch gern noch einmal nach Syrien gefahren. Die Altstadt von Damaskus ist/war für mich der Inbegriff einer Märchenstadt aus 1001 Nacht. Die kleinen Gassen, die schönen Innenhöfe, die Ruhe in den Moscheen, die kleinen Cafes und Restaurants und am Abend der Ruf des Muezzins, das war orientalisches Feeling wie aus dem Bilderbuch. Aber wir wissen ja alle, wie dort gerade die Situation ist, daher wird es wohl so schnell nichts mit dieser Reise werden.

Dafür stehen bei mir immerhin andere Länder an, die auch orientalisches Flair haben, Usbekistan zum Beispiel. Ich war die letzten Jahre viel in Asien und Europa unterwegs und nun wird es wieder langsam an der Zeit, den Orient zu besuchen und frisches, noch warmes Fladenbrot in Hummus zu tauchen oder Falafel am Straßenrand zu essen. Ich habe einfach wieder Sehnsucht nach dem Orient.

Wie erging es Dir als Frau auf deinen Reisen? Welchen Eindruck hattest Du allgemein von der Situation der Frauen?

Als Frau hatte ich nie Probleme, egal in welchem der Länder. Ich war nie verschleiert, aber meine Oberarme und die Beine waren immer bedeckt. Ich bin auch groß und habe dunkle Haare, das mag es auch ein wenig einfacher gemacht haben. Aber ich denke, letztendlich kann jede Frau allein in diesen Ländern reisen, wenn sie sich an die Spielregeln hält.

Über die Situation der Frauen vor Ort kann ich relativ wenig sagen, denn meist sprechen sie wenig Englisch, so dass auch ein Gespräch selten zustande kommt. Als ich die Reiseleiter im Jemen und in Libyen danach gefragt habe, war das natürlich auch entsprechend eingefärbt.

Was auffällt ist, dass westliche Besucher, egal ob Mann oder Frau, in der Regel nur mit den einheimischen Männern sprechen, Du sitzt mit den Männern zusammen, auch als Frau, und wirst von den Frauen bedient. Sie huschen schnell rein, bringen das Essen und verschwinden wieder. Als Frau hast Du dann zwar die Chance, auch die Frauen unverschleiert zu sehen und ihre Zimmer zu betreten, aber außer Lächeln und ein paar Gesten ist leider kaum eine Kommunikation möglich, was schade ist.

Als westliche Frau bist Du natürlich privilegiert. Du kannst Dich ziemlich frei bewegen, Du hast Geld und hier bei uns haben wir Gleichberechtigung. Auch wenn wohl oft die Frauen im Orient die Haushaltskasse verwalten, ohne Begleitung gehen sie selten aus dem Haus und es gibt eben auch andere, für uns kaum nachvollziehbare Vorstellungen und Normen.

In unsere Erfahrungswelt passen nicht viele Verhaltensweisen und Regeln der orientalischen Länder. Auch wenn Frauen oft in diesen Ländern diskriminiert werden, sollten wir nicht vergessen, dass auch bei uns die Emanzipation, so wie wir sie heute kennen, noch nicht sooo alt ist. Bis 1958 durfte der Ehemann bei uns noch den Arbeitsvertrag seiner Ehefrau fristlos kündigen und bis 1977 durfte eine Frau nur dann arbeiten, wenn es mit ihren Pflichten von Ehe und Familie vereinbar war. Erst ab 1957 können Frauen in Deutschland ein Konto eröffnen. Was ich damit sagen will ist, dass wir nicht vergessen sollten, dass eine Veränderung der Situation der Frauen ein langer Prozess ist und wir nicht mit unseren Maßstäben messen dürfen, denn es ist eine andere Welt, eine andere Geschichte und andere Wertvorstellungen. So etwas braucht Zeit, um sich zu verändern.

Hattest Du vor dem Aufbruch Vorurteile? Wurden diese eher bestätigt oder widerlegt?

Ich muss zugeben, dadurch, dass ich das erste Mal 1989 in Ägypten war und dort meine ersten Eindrücke gesammelt habe, hatte ich bei den nächsten Reisen relativ wenig Vorurteile.

Es gab immer mehr Vorurteile von dritter Seite und viele haben den Kopf geschüttelt und konnten nicht so wirklich nachvollziehen, dass ich a) als Frau und b) allein in den Orient reise. Gerade als es nach Syrien ging, kamen viele Bedenken, denn das Image des Landes war durch die Diktatur des Vaters des heutigen Machthabers auch schon damals negativ besetzt. Ich selbst hatte immer nur neutrale oder gute Erfahrungen gemacht und ich habe mich auch nie in einem der Länder unwohl oder unsicher gefühlt.

Ja, natürlich flirten die Männer mit Frauen aus dem Westen, denn haben das Bild aus den v.a. amerikanischen Serien im Kopf und sehen westliche Frauen als locker und leichtfertig an. Aber nichtsdestotrotz ist es mir nie passiert, dass Grenzen überschritten wurden. Wenn ich Grenzen gezogen habe, dann wurden sie auch immer respektiert. So viel Selbstbewusstsein muss eine Frau, die im Orient reist, haben. Und sie muss es auch aushalten, wenn sie dann eben als unhöflich oder unfreundlich bezeichnet wird. Hier dürfen wir nicht in die Gedankenfalle tappen, dass wir immer lieb und nett sein müssen.

Hast Du Tipps für andere weibliche Orientreisende?

Mein wichtigster Tipp ist, sich zu informieren und sich angemessen anzuziehen. Gerade außerhalb von touristischen Badeorten leben die Menschen noch sehr traditionell und da ist schon allein die Tatsache, dass man als Frau allein unterwegs ist, ungewöhnlich. Zeigt man Respekt vor der Religion und der Kultur ist es aber meiner Erfahrung nach selten ein Problem. Das bedeutet nicht, dass ich immer verschleiert herumgelaufen bin. Aber die Schultern und Oberarme sowie die Beine sollten schon bedeckt sein. Im Übrigen ist es auch oft sinnvoll wegen der Sonne, den Kopf zu bedecken. Dann kann man auch die Haare so bedecken und entspricht damit auch schon wieder ein wenig mehr dem Weltbild der Menschen. Ich habe noch eine ganze Menge anderer Tipps, aber das würde hier den Rahmen sprengen. Du findest sie alle unter „Allein als Frau in ein arabisches Land reisen“ auf meinem Blog.

Ob eine Frau letztendlich trotz der Einschränkungen (Klamotten, Moral, lieber kein Alkohol in der Öffentlichkeit…) in den Orient fahren will, ist eine persönliche Entscheidung. Viele lehnen es ab, weil sie die traditionelle Denkweise als diskriminierend ablehnen. Mich persönlich hat es nie gestört, mich hier vorübergehend etwas anzupassen. Dafür wurde ich mit schönen Begegnungen, unvergesslichen Eindrücken, grandiosen Landschaften und wahr gewordenen Märchen aus 1001 Nacht belohnt.

Lesetipps: Artikel über den Orient auf Ivanas Blog Weltenbummlerin:

Ich habe einen Bericht über Ghadames/Libyen  sowie Reiseberichte über Syrien und Jordanien geschrieben. Ein Beitrag über Aleppo, heute einen „Lost place“ findet man auch.
Meine Tipps zu Sanaa/Jemen sind zwar online, aber im Moment nicht umzusetzen. Über Ägypten habe ich etliche Reiseberichte geschrieben


Alle Artikel der Reihe:

Teil 1: Wenn Frauen ohne Männer reisen
Teil 2: Interview mit Katharina von Diverettes
Teil 3: Interview mit Weltenbummlerin Ivana
Teil 4: Ein Semester in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ein Gastbeitrag von Alexandra von Itinera Magica
Teil 5: Interview mit Sabrina von Felibrina
Teil 6: Als Frau mit dem Auto durch den Orient. Ein Gastbeitrag von Tina von Der Taucherblog
Teil 7: Interview mit Esther von In 80 Tagen um die Welt
Teil 8: Interview mit Stefanie von A World Kaleidoscope

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4 Gedanken zu “Frauen reisen in den Orient – Teil 3: Interview mit Weltenbummlerin Ivana

  1. Pingback: Frauen reisen in den Orient – Teil 3: Interview mit Weltenbummlerin Ivana — wandernd | schlaflosinwien

  2. Pingback: Neue Serie: Frauen reisen in den Orient | wandernd

  3. Ein schönes, kluges Interview! Wirklich beeindruckend, wo Ivana schon überall war. Besonders wichtig finde ich den Punkt, dass wir unser westliches Überlegenheitsgehabe öfter hinterfragen sollten und konservativen Ländern die Zeit gewähren sollten, die ein solch starker gesellschaftlicher Wandel zu liberaleren Werten eben benötigt.

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