Frauen reisen in den Orient. Teil 4: Ein Semester in den Vereinigten Arabischen Emiraten

Ein Gastbeitrag von Alexandra von Itinera Magica.

Die Vereinigten Arabischen Emirate. Wann immer ich von meinen Reisen in dieses Land und meiner Zeit dort erzähle, kommt das Unverständnis. „Warst du vollverschleiert?“ – „Durftest du fahren?“  – „Durftest du lachen?“ – „Warum tut man sich so was an?“

Und ich versuche, die Missverständnisse zu klären, noch mal von vorne anzufangen: Ihr verwechselt das wohl mit Saudi-Arabien. Nein, ich war nie verschleiert, bis auf zweimal, als ich die wunderschöne Scheich-Zayid-Moschee besichtigten wollte. Ich habe alle möglichen Kleider getragen, bis auf Minishorts und super tiefen Ausschnitt. Ja, ich bin gefahren, ich habe gelacht, und so viel Neues erfahren.

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Frauen fotografieren sich gegenseitig in der Scheich-Zayid-Moschee


Warum studiert man als Französin in Abu Dhabi?

Warum Abu Dhabi? 2006 ist meine Universität, die Pariser Sorbonne, eine Partnerschaft mit dem Emirat eingegangen, und hat eine Schwesteruniversität dort gegründet. Viel schöner, viel geräumiger und heller als das überfüllte alte Haus im lateinischen Viertel, denn dort hat man bekanntlich Geld. Dort haben die Studenten moderne Klassenzimmer, wo der Beamer tatsächlich funktioniert, eine große Bibliothek, wo man einen Sitzplatz und die gewünschten Bücher auch findet, dort herrscht Luxus. Manche haben sich aufgeregt und gemeint, wir verkaufen uns an die Araber. Ich sah das anders. Ich fand das schön, dass in einer Welt, wo die amerikanischen Superstar-Unis vorherrschen, die Scheiche noch so viel Attraktivität an unserer alten schrumpfenden Sorbonne finden, um ein Stück davon in der Wüste zu implantieren. Dass die guten Familien des Mittleren Ostens sich wünschten, ihre Kinder in eine französische Universität zu schicken, empfand ich als ein unerwartetes Zeichen von Respekt und Neugierde. Diese Ehrerbietung wollte ich auch erweisen. Ich wollte die „Sand-Sorbonne“ (Sorbonne des sables, das war ihr Spitzname) entdecken, und das Land, das sie empfing.

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Vom Mittelalter in das 21. Jahrhundert in nur 50 Jahren

Die Vereinigten Arabischen Emirate sind ein Wunder. 1960 noch – das Geburtsjahr meiner Mutter – war dort nichts zu suchen. Arme Beduine wanderten auf dem Rücken von Kamelen in einem gewaltigen Dünenödland, wo der Tod durch Hitze und Durst überall lauerte, wo jede Reise womöglich Abschied bedeutete. Sie jagten mit Windhunden und Falken, kämpften Tag für Tag um das Überleben. An der Küste tauchten junge Männer in die Tiefen, um Perlen zu erbeuten. Gefahr in der Wüste, Gefahr im dunklen Meer, eine karge, elende Existenz. Es ist heute schwer, sich vorzustellen, wie arm, wie hilflos diese Länder vor einem halben Jahrhundert noch waren.

Dann fanden sie Öl, und dann kam ein kluger, gebildeter Staatsmann, der den Westen kannte und seine Heimat auf der Weltbühne erstrahlen lassen wollte: Scheich Zayid. Er war zu klug und ehrgeizig, um das Wundergeld einfach wild und kostspielig auszugeben. Er flocht sich eine neue Nation zusammen. Mit Geduld und ohne Gewalt konnte er sechs andere Scheiche überzeugen, seine Führung anzuerkennen. So sind 1971 die Vereinigten Arabischen Emirate entstanden. Abu Dhabi ist die politische und kulturelle Hauptstadt – das alte Herz und bei weitem meine Lieblingsstadt dort. Dubai hat nun die wirtschaftliche Oberhand.

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Scheich Zayid (ganz rechts: mit seinem Sohn, der derzeit Präsident ist)

Die Fortschritte und Änderungen, die wir im Laufe von mehreren Jahrhunderten erreicht haben, machten diese Länder innerhalb von fünfzig Jahren. Das muss man sich vorstellen. Diese wunderschönen Städte, diese Gärten mit tausend Palmen, diese Brunnen und Paläste – alles ist neu. Auch das moderne Leben in der Gesellschaft, wie wir es kennen. Sehr schnell mussten sie ihren Weg vom Mittelalter in das 21. Jahrhundert finden. Und ich denke, es ist ein Erfolg. Wer sich die Emiratis als rohe Neureiche vorstellt, liegt falsch. Wer seinen Fokus auf die barocken Phantasien Dubais (eine Indoor-Skipiste, der höchste Turm der Welt usw) lenkt, übersieht den Rest des Landes, der sich langsam den Weg in die Modernität ertastet – viele Orte sind noch weit entfernt vom Protz und von der Überschwänglichkeit Dubais. In den Emiraten kann man sehen, wie ein Land friedlich entsteht, und das finde ich sehr bewegend.

Abu Dhabi: der „kulturelle Leuchtturm“ des Nahen Ostens

14614256_562611183923714_894779365_oAber vor allem habe ich mich in die Hauptstadt verliebt. Abu Dhabi versucht, seine Seele nicht zu verlieren: diese Stadt möchte der kulturelle Leuchtturm des Nahen Ostens sein. Dort entstehen neben der Sorbonne, auf der Insel Saadiyat, ein Guggenheim Museum, ein Louvre, eine Schwesteruni der New York University, ein Performing Arts Center, und das nationale Scheich Zayid Museum. Saadiyat sieht so aus, wie ein Vogel, der seine Flügel ausweitet, wie eine Schatzkammer, mit allen Weisheiten und Schönheiten der menschlichen Intelligenz. Wer denkt, dieses Volk sei geschlossen und rückwärts gewandt, soll Saadiyat besichtigen. Oder Masdar, die erste Ökostadt der Welt, die gerade in der Wüste entsteht, und 100% nachhaltig sein wird. Ich liebe die Emirate, weil dort die Zukunft entsteht.

Und zwar nicht nur dort: vor Kurzem war ich in Marokko (ein muslimisches Land) und auf den Seychellen (ein zu 95% katholisches Land – dies scheint mir eine wichtige Präzision zu sein), und habe sehen können, wie die Emirate ehrgeizige, zukunftsträchtige Projekte dort finanzieren, wie eine Windkraftanlage auf einer künstlichen Insel, oder eine Entsalzungsanlage. Die Emirate haben sich dazu entschieden, einen großen Teil ihres Geldes in Intelligenz umzuwandeln, und dies bewundere ich. Wir Franzosen betrachten sie immer noch mit einem Überbleibsel von Kolonialkomplex – als wären wir noch überlegen, als wären wir noch die treibende Kraft der Weltgeschichte. Aber die Zukunft scheint uns nicht mehr zu gehören. Die Emirate gehören zu den wenigen Ländern, die die Welt von morgen gestalten, und deswegen wollte ich sie erleben und verstehen.

Die Vereinigten Arabischen Emirate – ein Paradies auf Erden?

Ist denn alles perfekt? Selbstverständlich nicht. Wie gesagt: die Emirate sind mit Qatar oder Saudi-Arabien nicht zu verwechseln. Sklaven bei der Erbauung der Stadien der nächsten WM, Geißelungen von kritischen Journalisten, Einsperren der Frauen sind in den Emiraten nicht zu finden. Der fortschrittliche, weltoffene Einfluss von Scheich Zayid hallt nach, und lenkt richtungweisend die Gesellschaft. Aber nein, eine Demokratie, so wie wir sie im Abendland kennen, wird es nie geben, einfach weil die Emiratis eine Minderheit im eigenen Land darstellen – sie bilden nur 11,5% der Bevölkerung. Die Einwanderer aus Indien, Pakistan, Malaysia, Indonesien, usw, mit denen ich ständig geredet habe, weil ihre Geschichten mich faszinierten, sind aber keine Knechte. Sie verdienen ordentlich, fahren in den Urlaub, schicken ihre Kinder kostenlos in die Schule, dürfen ihren Gott anbeten (buddhistische und hinduistische Tempel werden immer zahlreicher), und sagen, nirgendwo sonst in der Welt hätten sie solche Opportunitäten gehabt, und bestimmt nicht in den USA oder in Europa, wo alle Türen vor ihnen zuschlagen. Allerdings muss man sagen, dass die Situation der weiblichen Hausangestellten dunkler und weniger glänzend ist, und dass man nicht immer genau weiß, was sich hinter geschlossenen Türen abspielt.

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Dubai

Die Situation der Frauen in den Vereinigten Arabischen Emiraten

Und die Frauen also? Ich bin eine Feministin. Ich kann nicht behaupten, dass alles perfekt ist, in einem Land, wo eine Frau noch zweimal so wenig erbt, wie ihr Bruder, wo Polygamie gestattet ist (wenn auch mit solch strikten Regeln, dass es sie immer weniger gibt), und wo der Ehemann Gewalt über seine Frau ausüben darf. Ich will es nicht schönreden. Aber ich sehe gewaltige Fortschritte. 2016 bin ich zurück in die Emirate gegangen, für eine kurze Vergnügungsreise. Und ich konnte den Wandel kaum glauben, der sich schon innerhalb von einigen Jahren bemerkbar machte. Es saßen nun Frauen in der Regierung. Auf den Straßen waren immer mehr westlich gekleidete Frauen zu sehen. Und immer mehr Emiratinnen, die ohne männliche Begleitung unterwegs sind. (Ach ja, noch ein Vorurteil, das ich bekämpfen möchte: Abu Dhabi und Dubai sind auf keinen Fall wie Riyad, die Geisterstadt, wo kein Mensch sich zu Fuß auf die Straße wagt. Die lebhaften Viertel wimmeln von Menschen – ja, auch von vielen Frauen.) Die Gesellschaft ändert sich schnell. Dieses Land ist fünfzig Jahre alt, und es entwickelt sich schlagartig.

Als Frau in den Emiraten fühlte ich mich sicher, und das sagen auch viele Touristinnen. Die Emirate wollen ein Land sein, wo eine Frau unbekümmert alleine reisen kann. Ich bin blond, trage gerne bunte Klamotten, bin gerne alleine unterwegs mit Fotokamera und Karte, es ist also fast so, als würde „Touristin!“ auf meiner Stirn tätowiert sein. Ich wurde nie belästigt und habe mich nie unwohl gefühlt. Am bekanntesten Strand in Abu Dhabi, The Corniche, baden die Touristinnen im Bikini (die Einheimischen sind allerdings etwas bedeckter). Oben ohne würde nicht gehen, aber in den USA eben auch nicht.

Allerdings stellt man fest, dass die Geschlechter zwar auf der Straße zusammen sind, in den verschiedenen Aktivitäten aber sehr getrennt leben. Ich nahm an Sportkursen teil, wo nur Frauen gestattet waren. Die Lehrerin dunkelte die Fenster ab, und plötzlichen zogen sich die verschleierten Damen aus, und enthüllten, unter ihrer Abaya, super knappe und bunte Sportkleidung. Dann tanzten sie wie verrückt, von männlichen Blicken abgeschirmt.

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Das Leben der Frauen im Orient ist vielfältig und komplex, und war lange geprägt von einer Mischung aus häuslicher Obermacht und äußerlicher Ohnmacht. Das weiß ich sehr genau – meine Großeltern sind libanesisch, mein Vater in Marokko aufgewachsen. Und der feministische Kampf geht weiter. Ich sehe mit Besorgnis den Rückgang der Frauenrechte in einst fortschrittlichen Ländern wie die Türkei, ich betrachte mit Wut die andauernden Verhältnisse in anderen.

Mein Umgang mit den Emiraten hat mir aber auch mit Hoffnung gemacht – mit der Überzeugung, dass Optimismus nicht überall als naiv und unrealistisch abgestempelt werden soll. Und er hat mir eine noch wichtigere Lektion erteilt: die Welt ist oft komplexer, als du denkst. Kontraste, Schattierungen, merkwürdige Mischungen aus Rück- und Fortschritten, machen ein nuanciertes Bild aus.
Schau es dir an. Tritt näher heran, es lohnt sich.


14646799_562611193923713_354434258_oÜber Alexandra

Alexandra schreibt auf ihrem Blog Itinera Magica auf drei Sprachen (Deutsch, Englisch und ihre Muttersprache Französisch) über ihre Reisen.
Über den Orient findet man v.a. Artikel auf Französisch.
Leider hat sie die Fotografien aus der Zeit ihres Studienaufenthaltes in den Vereinigten Arabischen Emiraten verloren, so dass sie nur Fotos aus späteren, touristischen Reisen hat.


Alle Artikel der Reihe:

Teil 1: Wenn Frauen ohne Männer reisen
Teil 2: Interview mit Katharina von Diverettes
Teil 3: Interview mit Weltenbummlerin Ivana
Teil 4: Ein Semester in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ein Gastbeitrag von Alexandra von Itinera Magica
Teil 5: Interview mit Sabrina von Felibrina
Teil 6: Als Frau mit dem Auto durch den Orient. Ein Gastbeitrag von Tina von Der Taucherblog
Teil 7: Interview mit Esther von In 80 Tagen um die Welt
Teil 8: Interview mit Stefanie von A World Kaleidoscope

 

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15 Gedanken zu “Frauen reisen in den Orient. Teil 4: Ein Semester in den Vereinigten Arabischen Emiraten

    • Mir ging es da ähnlich, Gina. Ich war auch sehr überrascht, als ich von Alexandras Erfahrungen gelesen habe.

      Schau die Tage noch mal rein – leider habe ich vergessen, das Veröffentlichungsdatum nach hinten zu verschieben; es fehlen nämlich noch die Bilder! (upps…)

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  1. Pingback: Neue Serie: Frauen reisen in den Orient | wandernd

  2. Wieder einmal zeigt sich, dass man die arabische Welt nicht über einen Kamm scheren kann und vieles anders ist, als es uns im Westen suggeriert wird. Man muss sich dem einfach nur öffnen! Vielen Dank für diesen spannenden Bericht!
    Liebe Grüße,
    Chrissy

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    • Ja, ich glaube das geht aber nicht nur dir so. Das hängt auch damit zusammen, dass uns in Deutschland in den meisten Fällen so ein undifferenziertes Bild erreicht und der nahe Osten dabei tendenziell auch eher konservativ, zutiefst religiös und repressiv dargestellt wird. Das das bei weitem nicht auf alle Staaten, geschweige dem auf alle Menschen, zutrifft wird dabei meistens ausgeklammert. Deswegen fand ich den Beitrag auch so super! 🙂

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    • und selbst dass „eher konservativ und zutiefst religiös“ noch lange nicht „rückschrittlich“ oder „diktatorisch“ heißen muss, ist etwas, was in vielen Köpfen (ich nehme mich da nicht aus) nicht angekommen ist

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  3. Der Moment, in dem man merkt, dass eine Französin bessere Texte auf Deutsch schreibt als man selbst…. 😉 danke für diesen informativen Artikel, der meine (bisher eher negative) Meinung über die Emirate gerade gehörig auf den Kopf gestellt hat.

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