Frauen reisen in den Orient. Teil 1: Wenn Frauen ohne Männer reisen

Aufbau des Artikels.


Ich war nicht die Erste, die sich fragte, wie es sein konnte, dass eine Region, die man gemeinhin mit der Unterdrückung der Frau assoziierte, Frauen so faszinierte. Hodgson stellt ihrem Buch ein Zitat von Isabel Burton voran: „Die Wüste atmet Freiheit“.
„Was aber hatte es mit dem Orient und der Freiheit auf sich, zwei auf den ersten Blick einander widersprechenden Begriffen? Interessanterweise war Isabel Burton nicht die einzige Europäerin, die diese beiden Wörter in Zusammenhang brachte.“1

Kurz zusammengefasst kann man sagen, dass es der Kontakt mit „dem Fremden“, „dem Anderen“ und damit verbunden die Distanz zur eigenen Kultur war, die Frauen ein größeres Maß an Freiheit bescherten – der Ausbruch aus den Konventionen, das Entkommen der Beobachtung durch die eigene Gesellschaft.
Dabei blieben die Frauen natürlich dennoch weiterhin Teil ihrer Gesellschaft und das prägte ihren Blick auf den Orient: Orient-Romantik findet sich ebenso wie gängige Rassismen, Stereotype und Abwertungen des Fremden – und damit verbunden: die Aufwertung des Eigenen. Doch das wäre vielleicht ein Thema für einen späteren Beitrag.

Zuerst begann ich, über die Biographien einzelner Reisenden zu lesen: Ida Pfeiffer, Ella Maillart, Gertrude Bell, Isabella Bird … allein von diesen Frauen zu lesen, die vor 100, 150 Jahren allen Erwartungen trotzten und einfach – häufig allein – in die weite Welt aufbrachen, erfüllt uns heute mit Ehrfurcht. Uns, die wir doch selbst im Jahr 2016 noch mit uns hadern, wenn wir alleine losziehen. Es ist kein Zufall, dass es z.B. auf Facebook so viele Gruppen für (allein)reisende Frauen gibt und viele Reisebloggerinnen einen Fokus auf das Reisen als Frau legen. Der Zuspruch ist für (allein)reisende Frauen nach wie vor nötig, wie es scheint.
Doch warum eigentlich? Ist es so außergewöhnlich, dass eine Frau alleine loszieht, dass sie abenteuerlustig ist?

Wie das Reisen männlich und die Frauen weiblich wurden

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„Und drinnen waltet die züchtige Hausfrau“ – Illustration zu Schillers Glocke (19. Jhd)

„Freundinnen beschworen mich inbrünstig, doch zu Hause zu bleiben. Sie malten mir in den leuchtendsten Farben die schönsten Freuden aus: An einem Tag könnte ich Parfümseifen in die Schubladen legen, neue Marmeladen und Saucen erfinden, am nächsten den Oberbefehl im Kampf gegen die Fliegen übernehmen, Motten jagen und Socken stopfen… Die Nachmittage wären den Predigten der Modepriester, dem Dienst in der Kathedrale und den zarten Unterhaltungen unter Frauen geweiht, bei denen sie sich, über Toiletten, Schwangerschaften und Stillen schwatzend, davon erholten, dass sie ihrem Liebsten die Kehle aufgeschlitzt hatten. Ich wusste all diesen Versuchungen zu widerstehen.“
(Jane Dieulafoy, 1887. Zitiert nach Hodgson, S. 88)

So kommentiert die Archäologin Dieulafoy sarkastisch das Frauenbild ihrer Zeit.

Das Frauenbild, mit dem wir uns heute noch oft herumschlagen und das uns so archaisch erscheint, ist noch nicht so alt, wie viele glauben.
Und genauso wenig war Reisen seit jeher etwas, das als unbedingt erstrebenswert galt. „Mobilität galt den feudalen Gesellschaften nicht als geachtetes Ideal, sondern als erzwungenes Verhalten der dienstreisenden Berufsstände“2 Es reisten stets auch Frauen (mit), Reisen war in der vorbürgerlichen Zeit nichts rein Männliches.
Erst langsam änderte sich die Vorstellung vom Reisen; Ende des 17. Jahrhunderts erlebte die „Kavalierstour“ einen echten Aufschwung. Reisen richteten sich als „praktischer Weltanschauungsunterricht“3 vermehrt an ein männliches Publikum. Die romantische Vorstellung vom Wandern und Wandeln, vom „zweckfreien“ Reisen kam dann erst um 1800 auf.

Um dieselbe Zeit herum geschah das, was man in der historischen Forschung „die Feminisierung der Frau“4 nennt: Die Polarität der Geschlechter bildete sich heraus. Gab es zuvor die Idee, dass Mann und Frau zwei von Natur aus unterschiedliche Wesen seien, nicht in dieser Form, so nahm diese nun Gestalt an und schuf damit die bis heute gängigen Geschlechterrollen. Von nun an musste der Mann „hinaus ins feindliche Leben“, während „die züchtige Hausfrau“ im Innern des Hauses waltete, wie es in Schillers Glocke beschrieben ist. Die weiblichen Tugenden lauteten nun:„häuslich, fleißig, reinlich und sanft, fügsam, nachgiebig, friedlich.“5

„Dazu gehört dann eine eigentümliche Verschärfung für das Schickliche, für Arbeit und Aktivität, das Verbot, allein zu reisen, etwas selbst zu tragen, gelegentlich: schnell zu laufen, zu arbeiten, es sei denn an den obligaten „Handarbeiten“ ohne eigentlichen Zweck; dazu gehört ferner das Überfeinerte: die Frauen sind zart, schwach, delikat, nervös, leicht kränklich, leiden zumal an Kopfschmerzen – und weil sie so angesehen werden werden manche oder viele auch wirklich so.“6

Die Frau wurde zum schwachen Geschlecht. Und zwar anders als vorher auf eine Art, dass sie dieser Schwäche nicht entkommen konnte, ohne „gegen ihre Natur“ zu handeln, ohne ihre Weiblichkeit einzubüßen.

Das „schwache Geschlecht“ in der weiten Welt. Oder: Die männliche Sorge um die weibliche Sicherheit

Wenn eine Frau keine Stärke zeigen konnte, ohne in Verruf zu geraten, sich „unweiblich“ zu benehmen, dann bedeutete das auch, dass eine reisende Frau ihrer Natur zuwider handelte – und genauso wurde auch argumentiert.
Dies wurde natürlich kaschiert als männliche Sorge um die Frau. So schreibt Kleist seiner Schwester, die sich mit dem Gedanken zum Reisen trug:

„Oder willst Du endlich, wenn Dir auch das Reisen überdrüssig ist, zurückkehren, wenn nun die Blüte Deiner Jahre dahingewelkt ist, und erwarten, ob ein Mann philosophisch genug denke, Dich dennoch zu heiraten? Soll er Weiblichkeit von einem Weibe erwarten, deren Geschäft es während ihrer Reise war, sie zu unterdrücken?“7

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„the masculine woman“ Spott-Postkarten wie diese richteten sich häufig gegen die Suffragetten, die meist als alte Jungfern dargestellt wurden

Denn natürlich ist dies die schlimmstmögliche Folge des Verlusts der Weiblichkeit: Die Frau würde nicht mehr begehrenswert sein und damit als alte Jungfer enden. Ein Klischee, das etliche viel- und alleinreisende Frauen wohl heute noch zu hören kriegen, wenn man den Berichten in diversen Foren für alleinreisende Frauen Glauben schenken darf

Da Frauen mehr und mehr auf die Rolle der „züchtigen Hausfrau“ beschränkt wurden, so waren ihre Pflichten als Ehefrau und Mutter natürlich auch vermehrt identitätsstiftend. Eine reisende Frau verstieß gegen eben diese bürgerlichen Pflichten. Sophie LaRoche etwa erfüllte sich erst mit 54 Jahren ihren Traum vom Reisen, als sie bereits Großmutter war.8 Und auch Ida Pfeiffer begann ihre Reisen erst mit 44 Jahren, nachdem der Ehemann verstorben und die Söhne erwachsen waren.9

Das kommt uns durchaus bekannt vor, auch heute träumen viele Menschen – und besonders Frauen – vom Reisen „wenn die Kinder erst mal aus dem Haus sind“. Und eine Mutter, die ohne Mann und Kind aufbricht, gilt als mindestens egoistisch.

Frauen, die sich entschließen alleine zu reisen, werden häufig mit entmutigenden Warnungen konfrontiert und mit Geschichten all der Gefahren, die ihnen – als Frau! – begegnen werden.
Ähnlich ging es Ida Pfeiffer, als sie ihre erste, 1842 angetretene, Reise plante:

„Höchst lebhaft stellte man mir all die Gefahren und Beschwerden vor, die den Reisenden dort [in Palästina] erwarteten. Schon Männer hätten Ursache zu bedenken, ob ihr Körper die Mühe aushalten könne und ob ihr Geist den Mut habe, dem Klima, den Plagen der Insekten, der schlechten Nahrung usw. kühn die Stirn zu bieten. Und dann erst eine Frau! So ganz allein, ohne alle Stützte hinauszuwandern in die weite Welt, über Berg und Tal und Meer, ach, das wäre unmöglich. Dies war die Meinung meiner Freunde.“10

Jede alleinreisende Frau wird Kommentare dieser Art mindestens einmal gehört haben. Wenn es in Regionen geht, die gemeinhin als „gefährlich“ gelten, erst recht. Und nicht umsonst gibt es online so viele Tipps und mutmachende Berichte für alleinreisende Frauen und nicht umsonst betonen Reisebloggerinnen immer wieder, dass Reisen auch für Frauen – trotz geschlechtsspezifischer Einschränkungen – möglich ist. Diese Reihe ist in dieser Hinsicht ja keine Ausnahme.

Ida_Laura_Reyer-Pfeiffer, 1856

Ida Pfeiffer (1797-1858), 1856, kurz nach ihrer Rückkehr von Madagaskar

Die Warnungen, die reisende Frauen immer wieder hören, können allerdings schnell das Kleid der Fürsorge abstreifen und sich anklagend gegen die Frau richten, der tatsächlich etwas zugestoßen ist:
Steffi von A World Kaleidoscope berichtet von einem Fall, der in Lateinamerika hohe Wellen geschlagen hat: Zwei Backpackerinnen wurden ermordet, doch die Entrüstung richtete sich weit weniger gegen die Täter als gegen die Tatsache, dass die beiden Frauen „alleine“ unterwegs waren. Und „allein“ bedeutete eben: ohne männliche Begleitung.

But I wonder if the fact that hikers are more comfortable talking about how women get more help is because those are the stories we hear, not the scary stories. I wonder if women on the trail—just like in so many other environments—are hesitant to speak up about stories that put them up for undeserved blame. Women are always scolded for putting ourselves in dangerous situations, i.e. simply being alone.

Das schreibt Myla Fay, eine solo weitwandernde Frau, über die Erlebnisse von Frauen auf dem seit „Wild“ so berühmten Pacific Crest Trail.

„A woman has no business traveling alone.“

Als Sarai Sierra, eine us-amerikanische Fotografin und Mutter, wie überdeutlich betont wurde (tatsächlich wurde sie in der Überschrift des Artikels nicht mit ihrem Namen genannt, sondern als „New York City Mom“ bezeichnet), alleine in die Türkei aufbrach und dort ermordet wurde, überschlugen sich die Kommentare: Wie hatte der Ehemann es ihr nur erlauben (!) können, alleine in ein muslimisches Land zu reisen? Eine Frau hatte nicht alleine aufzubrechen – und wenn doch, dann sollte sie sich zumindest in kulturell ähnlichen oder geographisch nahen Ländern bewegen. Gab es in den USA etwa nichts zu fotografieren? Aber am meisten wurde ihr angelastet, dass sie „als Mutter“ so leichtsinnig war, alleine zu reisen.
Eine Kostprobe von (nicht untypischen) Kommentaren – wer mehr davon braucht, die gibt es hier:

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Die Mechanismen, die den reisenden Frauen im 19. Jahrhundert die Erfüllung ihrer Reiseträume erschwerten, sind also nach wie vor am Werk und man merkt, wie sehr das heutige Denken von in der Zeit um 1800 geprägten bürgerlichen Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit beeinflusst ist und wie sehr Weiblichkeit nach wie vor mit Schwäche, Mutterpflichten (und Mutterglück!) und Häuslichkeit assoziiert wird.

Freiheit im Orient?

„Der Aufbruch ist die Befreiung“ (Annemarie Schwarzenbach)

„Die Wüste atmet Freiheit“ (Isabel Burton)

„Gestern Nacht waren wir noch ungewaschen, wild und frei; heute Nacht sind wir sauber, von Menschen umgeben und gefangen.“ (Louisa Jebb)

Doch was hat dies alles nun mit Frauen zu tun, die in den Orient reisen?

Um verstehen zu können, wieso dieses Frauen ihre Reisen im Orient als Befreiung empfanden, muss man wissen, in welchem Korsett von Erwartungen sie sich bis dahin hatten bewegen müssen. Und dabei war es nicht nur ein Korsett aus Erwarungen und gesellschaftlichen Regeln, sondern auch eines aus Gesetzen und Verordnungen, mit denen sie konfrontiert waren: Zwischen 1789 und 1909 verstieß eine Französin in Hosen z.B. gegen geltendes Recht. Die Archäologin Jane Dieulafoy benötigte in den 1880er Jahren eine amtliche „permission de travetissement“, um hosentragend durch Persien reisen zu können.11

Zur selben Zeit konnten Engländerinnen zwar Universitäten besuchen (anders als deutsche Frauen übrigens), aber keine akademischen Grade erwerben.
Wenn eine Frau ihre Verfügungsgewalt über ihr Geld behalten wollte, musste sie unverheiratet bleiben, weil die Verfügungsgewalt mit der Eheschließung automatisch an den Gatten überging.12 Die Vormundschaft des Mannes über seine Frau war gesetzlich festgelegt. Von politischer Teilhabe waren Frauen in allen europäischen Ländern sowieso ausgeschlossen.13

„Was man unter Freiheit versteht, variiert von Epoche zu Epoche und von Ort zu Ort“, konstatiert Hodgson.14 Gemein ist wohl allen Epochen und Orten, dass allein die Tatsache gegen Konventionen verstoßen zu haben, ein unglaubliches Gefühl von Freiheit vermittelt. Genauso wie ein gewisser Kulturschock die Offenheit, Konventionen hinter sich zu lassen, verstärkt. Der Orient war ein Kulturschock par excellence. Neben der Wildnis Amerikas galt er als DER Gegenentwurf zur westlichen, fortschrittlichen Welt.

Frauen – zumindest die aus den höheren bürgerlichen und adligen Schichten und damit die, die in der Lage waren, eine Fernreise anzutreten – waren in Europa zu weitgehender Passivität angehalten.Wenn sie nun auf eine Reise aufbrachen, egal ob alleine, in anderer weiblicher Begleitung oder ob sie ihren Mann auf eine Expedition in die Wüste begleiteten, so waren sie mit Situationen konfrontiert, die ihnen Aktivität abverlangten und obendrein waren sie der Beobachtung durch ihre eigene Gesellschaft entkommen:

„Eine Orientreise bot einer Frau die Möglichkeit, den Konventionen zu enfliehen und Bildungslücken zu schließen. Zugleich machte sie die Erfahrung, dass sie mit ihrem dürftigen Wissen gegenüber den Orientalinnen, die von allem Unterricht fergehalten wurden, geradezu gelehrt wirkte, was ihr Selbstvertrauen stärkte (…).
Gleichzeitig stellte sie für die Menschen im Orient einen neuen Geschlechtertypus dar: ein Wesen mit der Bildung eines Mannes und dem Aussehen einer Frau, das es als praktisch gleichberechtigt zu behandeln galt. Für Frauen, die aus ihrer Heimat einen niedrigen Status nur allzu sehr gewohnt waren, stellte dieser Vorstoß in ein fast geschlechtsloses Reich eine aufregende neue Erfahrung dar.“15

Annemarie Schwarzenbach (1908 - 1942)

Annemarie Schwarzenbach, Wikicommons

Natürlich gab es auch und gerade in muslimischen Ländern sehr strenge Regeln für Frauen, doch seltsamerweise galten diese Regeln nur in eingeschränktem Maße für westliche Reisende – sie bewegten sich eben in dem von Hodgson beschriebenen Zwischenraum.
Annemarie Schwarzenbach, die um 1940 mit Ella Maillart Afghanistan bereiste, stellte fest, dass sie sich fast normal zwischen den Männern bewegen konnten, aber einheimische Frauen so gut wie nie zu Gesicht bekamen:

„Seit mehreren Wochen in diesem streng mohammedanischen Land, hatten wir uns mit Bauern und städtischen Beamten, Soldaten, Bazarhändlern und Provinzgouverneuren angefreundet, waren überall gastfreundlich aufgenommen worden und begannen dieses männliche, fröhliche und unverdorbene Volk liebzugewinnen. (…)
Aber wir schienen in einem Land ohne Frauen zu sein!“16

Ähnliches berichtet auch Ivana vom Blog Weltenbummlerin in ihrem Interview, das in zwei Wochen auf meinem Blog erscheinen wird:

Was auffällt ist, dass westliche Besucher, egal ob Mann oder Frau, in der Regel nur mit den einheimischen Männern sprechen, Du sitzt mit den Männern zusammen, auch als Frau, und wirst von den Frauen bedient. Sie huschen schnell rein, bringen das Essen und verschwinden wieder.(…)
Als westliche Frau bist Du natürlich privilegiert. Du kannst Dich ziemlich frei bewegen, Du hast Geld und hier bei uns haben wir Gleichberechtigung.

Westliche Frauen genossen und genießen als Gast einen Sonderstatus.
Dabei begegneten die einheimischen Männer ihnen keineswegs herablassend, weil sie sich nicht „ihrem Geschlecht gemäß“ verhalten hätten. Im Gegenteil – je selbstbewusster und bestimmter die Reisenden auftraten, mit umso mehr Respekt begegnete ihnen auch ihr Gefolge. Dabei mussten sie allerdings mitunter umso selbstbewusster auftreten, um sich durchzusetzen. Ganz so natürlich wie männlichen Reisenden wurde ihnen die Achtung wohl doch nicht immer entgegengebracht. So berichtet Rosita Forbes, sie hätte sich eine Art „Schießduell“ mit ihrem Führer liefern müssen, um sich bei den Männern Respekt verschaffen zu müssen.17

Angst vor sexuellen Übergriffen wird so gut wie nie und erst ab dem 20. Jahrhundert erwähnt.18 Wenn Frauen Hosen trugen, so war dies eher praktischen Erwägungen geschuldet. Hosen verschafften eine Bewegungsfreiheit die europäische Frauen nicht kannten. Als „ästhetische(…) Folterinstrumente, die die Mode in Gestalt von Schnürkosetten und Fischbeinleibchen für Frauen bereithielt“19, bezeichnete Ida von Hahn-Hahn die europäische Mode. Diese konnten die Frauen nun auf der Reise endlich abstreifen und Hosen tragen.
Anders als man glauben würde, galten alleinreisende, hosentragende Frauen nicht als „leichte Mädchen“. Immer wieder wurde betont, dass man ihnen aufgrund ihres Geschlechts mit besonderer Höflichkeit begegnete.20

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Lady Montagu in türkischer Mode

Andere Frauen wählten orientalische Kleidung – denn auch diese bot ihnen gewisse Freiheiten. Zum Beispiel war die türkische Frauenkleidung viel weiter und bequemer geschnitten als die westliche. So erzählt Lady Mary Montagu dass die türkischen Damen, als sie in einem Bad ihr Korsett zu Gesicht bekamen, glaubten, sie sei in dieser Maschine eingesperrt und es stünde nicht in ihrer Gewalt, sich daraus zu befreien, sondern nur in der ihres Mannes.21

Die traditionelle Verschleierung bot westlichen Frauen aber noch eine andere Freiheit: Isabel Burton etwa wählte sie, um sich „in den Basaren unerkannt unter die Einheimischen zu mischen.“22  – ein Vorteil der Verschleierung, den auch Mary Montagu betonte: Frauen konnten sich gänzlich unerkannt bewegen und es sei selbst dem eifersüchtigsten Eheman nicht möglich gewesen, seine Frau auf der Straße zu überwachen.23
Westliche Frauen genossen im Orient also eine Bewegungsfreiheit, die ihnen in ihrer eigenen Heimat nicht vergönnt war.
So ist es kein Wunder, dass sich in ihre Reiseberichte Wehmut und Bedauern mischen, sobald sich die Rückkehr näherte.

„Mit einer Ausführlichkeit und gelegentlich auch rührseligen Sentimentalität, wie vergleichbare Reiseberichte von Männern selten zu enden pflegen, setzten sich die weiblichen Reisenden mit der nahenden Abreise auseinander.“24

Es gibt wenige Berichte darüber, wie es den Frauen nach ihrer Rückkehr erging. Isabel Burton meinte, eine Frau, die dem Orient verfallen sei, könne sich nicht mehr in ihr früheres Leben fügen.25  Und Cristina di Belgiojoso stellt mit kritischem Blick fest:

„Ich meine nicht, dass ein solches Reisen auf Kamelen in Wüstenländern und unter Arabern dazu beitragen kann, Herz und Seele dieser jungen Frauen zu bilden, die für ein Leben in einer anderen Hemisphäre und in einer ganz anderen Gesellschaft oder Zivilisation bestimmt sind, noch dass es ihnen helfen kann, unterwürfige Mädchen, treue Gattinnen oder gute Mütter zu werden.“.26

Frauen, die im Orient reisten – oft auch noch ohne (europäische) männliche Begleitung – hatten eine Freiheit und Unabhängigkeit erfahren, die sie aus ihrer Heimat nicht kannten. Sie hatten eigenständig ihr Geld verwaltet, einen Trupp angeheuert, mussten verhandeln und sich auch einmal gegen ihre Führer durchsetzen, sie hatten unmittelbaren, z.T. freundschaftlichen oder auch sexuellen Kontakt mit fremden Männern, hatten Hunger und Durst, Strapazen, Hitze und Kälte überstanden und kamen mit einem gestärkten Selbstwertgefühl zurück, dass ihnen zeigte, dass sie wahrlich nicht zwangsläufig das schwache Geschlecht sein mussten.

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Literatur zum Thema

N.N.: Blick zurück. Frauen und Politik, Publikation der Landeszentrale für Politische Bildung Baden-Württemberg, abrufbar unter: https://www.lpb-bw.de/publikationen/stadtfra/frauen3.htm (Stand 16.09.2016)

Deeken, Annette / Bösel, Monika: „An den süßen Wassern Asiens“. Frauenreisen in den Orient, Campus Verl.: Frankfurt am Main/New York, 1996.

Hodgson, Barbara: Die Wüste atmet Freiheit. Reisende Frauen im Orient 1717 bis 1930, Gerstenberg Verl.: Hildesheim, 2006.

Montagu, Mary: Letters of the Right Honourable Lady M—y W—y M—e Written during Her Travels in Europe, Asia and Africa to Persons of Distinction, Men of Letters, &c. in Different Parts of Europe, abrufbar unter: http://www.gutenberg.org/cache/epub/17520/pg17520-images.html (Stand 16.09.2016)

Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1800-1866. Bürgerwelt und starker Staat. Band 1, CH Beck: München, 1983.

Schwarzenbach, Annemarie: Orientreisen. Reportagen aus der Fremde, Edition Ebersbach: Berlin, 2. Aufl., 2011.

Weiterführende Literaturhinweise:

Pfeiffer, Ida: Reise einer Wienerin in das Heilige Land, abrufbar unter: http://gutenberg.spiegel.de/buch/reise-einer-wienerin-in-das-heilige-land-9030/1

Hahn-Hahn, Ida von: Orientalische Briefe, abrufbar unter: http://gutenberg.spiegel.de/buch/orientalische-briefe-1650/1


1 Hodgson, S. 1.
2 Deeken /Bösel, S. 14.
3 Deeken / Bösel, S. 15.
4 Nipperdey, S. 120.
5 Deeken / Bösel, S. 16.
6 Nipperdey, S. 120.
7 Zitiert nach Deeken / Bösel, S. 19.
8 Deeken / Bösel, S. 21.
9 https://de.wikipedia.org/wiki/Ida_Pfeiffer#Ehe_und_Kindererziehung
10 Zitiert nach Deeken / Bösel, S. 41.
11 Hodgson, S. 73f.
12 Hodgson, S. 25f.
13 https://www.lpb-bw.de/publikationen/stadtfra/frauen3.htm
14 Hodgson, S. 2.
15 Hodgson, S. 3.
16 Schwarzenbach, Orientreise, S. 139.
17 Hodgson, S. 42 und 49.
18 vgl. Hodgson, S. 48.
19 Zitiert nach Deeken / Bösel, S. 111f.
20 vgl. Hodgson, S. 54ff.
21 Brief vom 1. April 1717, http://www.gutenberg.org/cache/epub/17520/pg17520-images.html
22 Zitiert nach Hodgson, S. 48.
23 Brief vom 1. April 1717, http://www.gutenberg.org/cache/epub/17520/pg17520-images.html
24 Deeken / Bösel, S. 234.
25 Hodgson, S. 3.
26 Zitiert nach Hodgson, 141.

Alle Artikel der Reihe:

Teil 1: Wenn Frauen ohne Männer reisen
Teil 2: Interview mit Katharina von Diverettes
Teil 3: Interview mit Weltenbummlerin Ivana
Teil 4: Ein Semester in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ein Gastbeitrag von Alexandra von Itinera Magica
Teil 5: Interview mit Sabrina von Felibrina
Teil 6: Als Frau mit dem Auto durch den Orient. Ein Gastbeitrag von Tina von Der Taucherblog
Teil 7: Interview mit Esther von In 80 Tagen um die Welt
Teil 8: Interview mit Stefanie von A World Kaleidoscope

 

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23 Gedanken zu “Frauen reisen in den Orient. Teil 1: Wenn Frauen ohne Männer reisen

  1. Absolut faszinierender Text – und so gut recherchiert, ich bin beeindruckt, und kann mir nur vorstellen, wie viel Zeit und Aufwand er gekostet hat! Ich liebe diese Idee von der Umkehrung der Freiheitsberaubung – welche unerwartete Freiheit diese Orientreisenden dort fanden. Deine Analysen zum Thema Kleidung sind auch wunderbar. Welch ein bereichender, kluger, schöner Text! Danke für die spannende Lektüre, und danke dafür, dass du mit dieser heiklen Debatte so feinfühlig und klug umgehst 🙂

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    • Ich danke Dir für deine netten Worte 🙂 Ich freue mich, wenn Du den Text spannend und interessant fandest – und dabei vielleicht auch noch etwas Neues gelernt hast. Dann war die viele Arbeit auf jeden Fall nicht umsonst.
      Es ist für mich interessant zu sehen, was aus diesem Text im Laufe der Wochen wurde. Meine ursprüngliche Idee war noch eine gänzlich andere – die Arbeit daran hat sich verselbständigt 😉

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    • Isabelle Eberhardt ist leider eine der Frauen, die hier unter den Tisch fielen, um den Rahmen nicht völlig zu sprengen :-/

      Aber vielen Dank. Ich freue mich, wenn der Text ankommt 🙂

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    • Nein, gar nicht. Mich hat das Thema einfach interessiert und deshalb habe ich die Reihe gestartet.
      Der einführende Artikel war viel einfacher, viel kürzer geplant gewesen, aber ich hatte mich dann richtig darin verbissen (ja, wenn ich mehr Zeit gehabt hätte, hätte ich gerne einen Fachartikel geschrieben *seufz*) und es wurde immer größer und umfangreicher. Immer mehr faszinierten mich dann die Parallelen zu heute, so dass ich auch ein bisschen den Fokus darauf gelegt habe.

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    • es gibt ja heute auch noch so viele spannende Menschen – wahrscheinlich müssen wir uns einfach nur genauer umschauen. z.B. hat mich nach meiner Normandie-Reise, als ich mit dem bepackten Fahrrad im Zug gefahren bin, eine alte Dame angesprochen. Und dann stellte sich raus, dass sie mit einer Freundin auf dem Rad mehrfach die Alpen überquert hat und dabei wildcampte, in Kapellen und in Heuschobern schlief etc, also außer nem Schlafsack gar nichts dabei hatte 😀
      Wer hätte das bei einer älteren Dame erwartet? Wir haben uns dann richtig lange unterhalten udn sie hat von ihren Touren erzählt

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  2. Liebe Ilona,

    jetzt habe ich mir endlich die Zeit nehmen können für deinen Artikel. Und er ist großartig. Vielen Dank für die Mühe die du dir da gemacht hast. Aber das Thema ist ja auch einfach zu interessant.
    Als ich ihn gelesen habe, kam mir der Gedanke, ob das Reisen nicht auch noch heute ein Zeichen ist sich als unabhängige, starke Frau auszudrücken. Ich meine: Ja. Schaue ich mich in meinen Freundeskreis um, gibt es grob zusammengefasst (und überspitzt) 2 Lebensentwürfe: Heimchen am Herd oder reiselustige Weltentdeckerin.
    Mich überkam ein Schauder als ich von der Rolle der Frau las. Allein schon die wenigen Rechte. Das kleine Weibchen sein – schön aussehen, Haushalt führen, Kind groß ziehen.
    Ich liebe das Reisen und alles was damit zu tun hat unglaublich – es geht mir um das Reisen selbst. Ein wenig aber ist es auch Rebellion gegen das „gängige Gesellschaftskonzept“, gegen das Rollenverständnis, gegen ein „vorgeschriebenes Leben“. Ausbrechen aus den Konventionen. Ganz ich selbst sein. (Obwohl ich ja mit Freund reise…)
    Und wenn es mir heute noch so geht, wie müssen sich die Frauen damals nur gefühlt haben?

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    • richtig! Genau darauf wollte ich hinaus – wie viel von damals heute noch nachwirkt, wie viel wir doch mit den Frauen von damals gemein haben, obwohl sich natürlich an den Rechten der Frau viel geändert hat, so ist doch die Rolle der Frau noch immer ähnlich.
      Je mehr ich las und daran arbeitete, desto mehr legte sich der Fokus des Artikels auf diese Parallelen.

      Mir geht es da wie dir… für mich ist es auch ein kleiner Ausbruch, ein Zeichen meiner Freiheit und Unabhängigkeit, einfach gehen zu können, wenn ich will. Dass ich nicht besonders sesshaft bin, war mir eh klar 😉

      Danke für deinen ausführlichen Kommentar und dein Lob 🙂

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  3. Wow Ilona, also für diesen Text hast Du Dir ja fast nen akademischen Titel verdient 😉 Chapeau!
    Was diese Frauen zu ihrer Zeit gewagt und geleistet haben löst in mir tiefste Ehrfurcht aus, denn ohne diese Pionierinnen würden wir heute vielleicht noch nicht so viele gesellschaftliche Freiheiten genießen können.

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    • Hach, danke 😀 Aber ich hab den Geschichte-Magister doch schon 😉 Für irgendwas muss der ja gut sein – und wenns nur für Blogartikel-Recherche ist 😀

      Ja, ich bin auch immer sehr beeindruckt, wenn ich über diese Frauen lese.

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    • Irgendwie ist mir dein Kommentar hier durch die Lappen gegangen… Ich bin jedenfalls froh, dass Du mitgemacht hast 🙂 Ich lese die Reihe gerade noch einmal und bin echt stolz darauf, was daraus geworden ist 🙂

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  4. Pingback: 2016 in Wort, Bild, Suchanfragen – Rückblicke & Blogempfehlungen | Finding Hummingbirds

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