Wattwandern und Krabbentrauma: Wie mir die Ferien meiner Kindheit das Meer verdarben

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Mein Großvater in den Bergen

Meine Großeltern waren richtige Bergfexe. Sie liebten es, in die Berge zu fahren, dort zu wandern und auch den ein oder anderen Klettersteig zu erklimmen. Halsbrecherisch scheint es dabei manchmal zugegangen zu sein, wenn man meiner Mutter glauben darf, die selbst als Kind bei diesen Touren immer dabei war.

So ganz glücklich war sie darüber aber offenbar nicht immer. Ständig ging es ins Allgäu, ins Salzburger Land, in die Dolomiten. Ob sie sich vor einem der Klettersteige fürchtete, interessierte nicht weiter. „Wenn du nicht mitkommst, dann bleibst halt oben“, sollen meine Großeltern ihr mal gesagt haben, als sie eine Leiter nicht runterklettern wollte. Ich kann mir das eigentlich ganz gut vorstellen.

Jedenfalls hatte meine Mutter bald genug von den Bergen. Wieso mussten sie eigentlich immer in die Berge fahren? Könnte man nicht mal ans Meer? Als sie dann endlich alt genug war, um selbst zu entscheiden, wo es hin ging, war ihre große Zeit gekommen… und deshalb verbrachte ich gefühlt meine halbe Kindheit damit, in Gummistiefeln oder barfuß durchs Wattenmeer zu stapfen.

Klein-Ilona stapft mit zarten vier Jahren samt ihrer Schwester durchs Wattenmeer

Klein-Ilona stapft mit zarten vier Jahren samt ihrer Schwester durchs Wattenmeer

Tatsächlich weiß ich nicht, wie oft wir damals an der Nordsee waren. Es kommt mir so vor, als seien wir sicher 10 Jahre lang jedes Jahr dort gewesen. Ob dies jetzt eine übertriebene kindliche Wahrnehmung ist, kann ich nicht sagen. Wenn ich an andere Urlaube denke, dann fällt mir ein, dass wir einmal im Spreewald waren, einmal am Bodensee, einmal in Wien, einmal im Schwarzwald und – oh Schreck! – einmal in Südtirol. In den Bergen? Ja, in den Bergen… aber nur dieses eine Mal. Dann ging es wieder an die Nordsee.

Dabei waren meine Eltern echte Gewohnheitsurlauber. Wir waren nicht nur ständig an der Nordsee, nein, wir waren auch immer in der selben Ferienwohnung in Hattstedt bei Husum. Jeder hatte sein Bett dort, jeder seinen Platz am Küchentisch. Fast wie ein zweites Zuhause. Und im Endeffekt haben wir ja auch immer dasselbe unternommen – so viel Auswahl gibt es in der Gegend meiner Erinnerung nach ja auch nicht.
Es war wirklich wie ein zweites Zuhause, fast ein bisschen so wie heute, wo ich meist ähnliche Sachen mache, wenn ich jetzt nach Hause zurückkehre und Familie und Freunde daheim besuche.
Dabei habe ich an der Nordsee ein echtes Trauma abbekommen: Meine Familie war durchgängig begeistert von Meeresfrüchten und verspeiste mit großem Genuss ununterbrochen (wie mir schien) Krabbenbrötchen. Jedes Mal wurden Kiloweise fangfrische Krabben gekauft, die dann in der Küche gepult wurden (wie schreibt man dieses Wort? Gibt es das auf hochdeutsch überhaupt? Oder wie sagt man sonst zu dieser Tätigkeit?). Ich fand Krabben immer irgendwie eklig – und v.a. stank es zum Gotterbarmen. Dass dann die ganze Küche danach stank und meine ganze Familie einträchtig beim Krabben pulen saß, war echt zu viel. Bis heute kann ich Meeresfrüchte nicht ausstehen.

Die Tatsache, dass wir als Kinder immer wieder an Meer fuhren, hatte übrigens eine Nachwirkung. Irgendwann begannen nämlich wir uns zu fragen, warum wir eigentlich ständig ans Meer fahren müssen. Könnten es nicht auch mal die Berge oder irgendetwas anders sein? Sobald ich dann alt genug war, um selbst zu entscheiden, wohin es gehen sollte, war ich so gut wie gar nicht mehr am Meer. V.a. nicht an der Nordsee. Nur einmal bin ich aus Nostalgie mit meiner Schwester noch hingefahren, um festzustellen, dass das gar nichts (mehr) für uns ist dort oben.

Ich war zwar auch nicht ständig in den Bergen (tatsächlich eigentlich nie wirklich im Hochgebirge), aber um das Meer habe ich eine ganze Weile – eher unbewusst – einen Bogen gemacht. Als ich 2014 in Casablanca auf das Meer blickte, fiel mir ein, dass ich seit 2008, seit meiner Sizilien-Reise, das Meer nicht mehr gesehen hatte. Deshalb sollen auch die Reise-Jahre 2015 und 2016 unter dem Motto „mal wieder das Meer sehen“ stehen (die Normandie-Reise war sozusagen der Auftakt. In Planung sind in absehbarer Zeit die Amalfiküste, Kuba und die Westküste der Türkei).

Viel besser als die Nordsee-Urlaube gefielen mir früher übrigens unsere Camping-Ferien. Als meine Eltern sich einen alten klapprigen Wohnwagen zulegten, war ich Feuer und Flamme. Das war genau mein Ding. Leider erwiesen sie sich auch hier als echte Gewohnheits-Urlauber. Der Wohnwagen stand natürlich die meiste Zeit – immer wenn wir damit nicht unterwegs waren halt – auf einem Dauerstellplatz. Und über die Jahre wurde dort mehr und mehr ausgebaut, bis das Vorzelt kein Zelt mehr war, sondern eine Hütte mit E-Herd, Lampen, Fernseher und Sitzgruppe. DAS wiederum war nun gar nicht mehr meines. Ich mochte ja gerade den schrottreifen Charme unseres ersten Wohnwagens, bei dem die Fenster nie ganz dicht waren und auch im Winter mal die Heizung ausfiel. Meine Begeisterung für diese kleinen Katastrophen konnte in meiner Familie aber leider nie jemand nachempfinden.

Die Ferien meiner Kindheit haben mich also sehr wohl massiv geprägt, allerdings nicht positiv. Ich habe dabei eher gelernt, wie ich eben NICHT Urlaub machen möchte: Ich möchte keinen Gewohnheitsurlaub, ich möchte spontan Dinge tun können, die mir gerade so einfallen, ich möchte verschiedenste Länder und Städte kennen lernen, immer etwas Neues erleben und kein zweites Zuhause schaffen. Meine Mutter kann dafür meine Art Urlaub zu machen nicht nachvollziehen. Erst kürzlich hat sie mir wieder gesagt: „Ich bin da nicht wie Du. Für dich ist nach Italien fahren etwas, was Du einfach mal so nebenbei machst. Wenn Du nächstes Wochenende nach Rom willst, fliegst Du halt. Ich kann sowas nicht!“ Dass ich mein Reise-Gen nicht von meinen Eltern habe, sondern von meinen Großeltern, war mir ja schon vorher bewusst.


Mein Beitrag zur Blogparade „Die Ferien meiner Kindheit„. Und ganz ehrlich: Eigentlich habe ich damit auch gleichzeitig an der Blogparade „Berge oder Meer?“ teilgenommen. An wievielen Blogparaden darf man mit einem Beitrag eigentlich teilnehmen? 😉

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20 Gedanken zu “Wattwandern und Krabbentrauma: Wie mir die Ferien meiner Kindheit das Meer verdarben

  1. Du Blogparaden-Meisterin 🙂

    Schon faszinierend zu lesen, welche Geschichten dem eigenen Reiseverhalten zu Grunde liegen. Da könnte ich mir auch mal meine Gedanken dazu machen 🙂 Ich liebe ja das Meer, aber vielleicht auch, weil ich es überhaupt mit 11 zum ersten mal gesehen habe und dann bis zu meinem 19ten warten musste, es wiederzusehen … Allerdings bei Berglandschaften das selbe, dennoch setzt dafür keine Sehnsucht ein.

    Ich kann gar nicht verstehen, dass Reisen so schwer ist, aber meine Mutter würde wohl ähnliches sagen wie deine 🙂

    Viele liebe Grüße
    Tanja

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    • ja, ich verstehe es auch nicht. Ich versuche schon eine Weile, sie für Kuba zu begeistern. Sie wollte immer mal mit mir wohin fahren… aber nach Kuba will sie nicht „Können wir nicht nach… Italien vielleicht?“ 😀 Warum sie nicht nach Kuba will? „Zu weit“ – „Ich brauch das nicht“ tja :-/

      Ja, ich mag das Meer eigentlich auch gerne. Auch jetzt in der Normandie. Aber irgendwie hab ich vorher so ziemlich alles andere gemacht, aber nie bewusst das Meer aufgesucht.

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  2. sehr schöner post!!!
    deinen widerwillen gegen die krabbeschwemme kann ich nachvollziehen, hätte auch mich traumatisiert!
    auch ich hab mein reise- und wandergen von den grosseltern – mütterlicherseits die weit-weg-und-berühmt-ziele und väterlicherseits den wandervogel. meine mutter lag am liebsten den ganzen tag am strand und briet und vater fand im urlaub die kneipen und ihre „bewohner“ am tollsten…. für uns kinder war das natürlich unsagbar öde!
    aber es gab ferienlager! damals im osten ganze 3 wochen lang! herrlich! (für mich, brüderchen war ne memme) immer in den mittelgebirgen erzgebirge oder harz. meistens mitten im wald. trotz morgensport und fahnenappell war das die grosse freiheit für mich zwischen 9-12 jahren!!!
    beweisfotos hier: http://bahnwaerterhaeuschen.blogspot.de/2015/04/ruckschau.html
    xxxxxx

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    • bei mir stammt alles eindeutig von der mütterlichen Seite 😀
      Wir haben im Urlaub immer viel unternommen – immerhin das, aber besonders abenteuerlich war das halt nie 😉

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  3. hihihi, mein beitrag zur blogparade „welcher reisetyp bist du“ passt ganz genau hier dazu. mal sehen, ob man dort nachtragen darf.
    schöne geschichten und lustig, dass es bei mir genau umgekehrt war und es mich mit einigen jahren pause sehr wohl in eine richtung gepolt hat, wenn auch die destinationen andere sind als die, die meine eltern primär auf der agenda hatten.

    und dass unsere elterngeneration das mit dem „schnell mal wohin fliegen“ nicht so nachvollziehen kann liegt sicher an der mobilität, die wir schon einen deutlich größeren anteil unseres lebens erleben. starre grenzen und teure flüge sind in den köpfen unserer eltern sicherlich mehr verankert als bei uns.

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  4. 😀 schöner Beitrag. Schon spannend, was man rückblickend über all diese Erfahrungen und Erlebnisse so denkt.
    Ich liebe das Meer, aber dein Krabbentrauma teile ich 😉 Uaah…. diese große Tüte mit lauter kleinem Krabbelvieh und es stinkt und man fusselt alles so mit den Fingern da raus. Neee neee…. mag ich bis heute nicht wirklich.
    Ansonsten denke ich fast, unsere Vorgenerationen waren deutlich sesshafter als unsereins, aber Paleica hat Recht, es war wohl weniger selbsterständlich, wenn man nicht ohnehin dauernd die Hummeln in der Büx hatte. Wir waren viel im Urlaub und auch nachdem wir Kinder größer waren, häufig an verschiedenen Orten und später mit dem Wohnmobil unterwegs. Das fand ich eigentlich am tollsten. Losfahren, gucken, wo es schön ist, ein wenig bleiben und dann weiter, immer weiter. Das habe ich sehr geliebt. Und mag es noch heute, auch wenn ich Wohnmobile nicht zu meinen bevorzugten Reisegefährten zähle, so ein kleiner bunter Bus würde mir besser gefallen. Aber ich mag das flexible, spontane daran und das ‚Unterwegs-Sein-Gefühl‘.

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    • „und später mit dem Wohnmobil unterwegs. Das fand ich eigentlich am tollsten. Losfahren, gucken, wo es schön ist, ein wenig bleiben und dann weiter, immer weiter. “

      Ach ja, genau so was hätte mir auch gefallen. Aber meine Eltern waren sogar mit dem Wohnwagen sesshaft. Da wurde sich vorher ein Campingplatz ausgeguckt und da fuhr man dann hin. Und von dort aus machte man Ausflüge. So spontan wo bleiben oder weiter ziehen hätten sie wohl nie hinbekommen.

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  5. Die Ferienzeiten als Kind sind mir als eine freie und unbeschwerte Zeit in Erinnerung geblieben. Es gab Neues zu entdecken, es gab fremdes Essen, ich habe mit Kindern gespielt, deren Sprache ich nicht verstand und wurde dennoch gut Freund. Meine Eltern hatten Zeit für Spiele, unser Vater erklärte uns die Natur. Ich habe gelernt, dass Reisen auch Spaß macht, wenn man sich in einfachen Umständen einquartiert, dass aber auch mal ein wenig Luxus sehr schön sein kann. Ich liebe seither das abendliche Grillen und habe zum Glück einen Gatten, der diese Begeisterung für das offene Feuer teilt. Ich bin neugierig auf fremde Küchen und habe gelernt, auch exotische Lebensmittel zu kosten.
    Du siehst, auch mich haben die Kindheitsferien bis heute geprägt… zum Glück aber eher im Positiven. Lags womöglich auch daran, dass es nicht immer das gleiche Ziel war?

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    • wahrscheinlich waren deine Vorstellungen und die deiner Eltern einfach sehr ähnlich. Da wir Deutschland eigentlich nie verlassen haben, gabs ja auch nie fremdes Essen – v.a. wenn man sowieso immer an den gleichen Ort fährt. :-/

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