Von Fernweh und Heimweh

Wann ist Fernweh eigentlich Fernweh? Und ist es irgendwie verwandt mit Heimweh? Hat man Fernweh nur nach Orten, an denen man noch nie war? Und muss man für Heimweh bereits eine bestimmte Zeit irgendwo gelebt haben? Und wenn ja, wie lange?

Fernweh, so belehrt mich der Duden, Substantiv, Neutrum: Sehnsucht nach der Ferne, nach fernen Ländern.
Das hilft mir nun auch nicht weiter, um die Frage zu beantworten. Wann ist Ferne fern genug, um Fernweh hervorzurufen?
Ich google weiter und finde bei der Google-Bildersuche zahlreiche Bilder mit der Aufschrift: Fernweh, noun, german: A crave for travel. Being homesick for a place you’ve never been.

fernweh

Heimweh nach Orten, an denen man noch nie war.
Muss für Heimweh nicht eine gewisse „Gewöhnung“ da sein? Muss mir der Ort nicht irgendwie bekannt sein? Ist diese Art Heimweh nach mir unbekannten Orten dann ein Heimweh nach dem Bild, das ich davon habe? Wenn ich mich nur lange genug mit einem Ort befasst habe, dann habe ich dort dieses eigenartig-aufregende Gefühl von Wiedererkennen.

Um aber das Gefühl von Nachhausekommen zu haben, muss man wohl doch bereits dort gewesen sein. „Wenn ich diese gesegnete Gegend am Südfuß der Alpen wieder sehe, dann ist mir immer zumute, ich kehre aus einer Verbannung heim.“, schrieb Hesse in Wanderung (S.41). Ich habe diesen Satz schon so oft zitiert auf meinem Blog und ich zitiere ihn wieder. Denn Hesse beschreibt hier genau das: Ein Gefühl von Nachhausekommen in der Fremde. Alles ist anders, nichts ist so wie im Alltag, aber das Gefühl von Verbundenheit und Vertrautheit ist da.

Warum all diese Gedanken über Fernweh und Heimweh?

Wenn das Wort „Fernweh“ fällt, haben viele Menschen augenblicklich Palmen und Strand vor dem inneren Auge. Ich denke dabei – ihr werdet es euch denken können – erst mal an Italien. Strand gibt’s da auch, aber der ist gar nicht so wichtig für mich. Vielmehr geht es mir um das „kulturelle Gesamtpaket“ aus Sprache, Kunst, Architektur, Mentalität, Atmosphäre, Essen, Trinken und schönem Wetter.

Carnevale di Venezia - Karneval in Venedig

Fernweh und Sehnsucht sind untrennbar miteinander verbunden. Und Italien IST mein Sehnsuchtsland, egal wie langweilig und abgedroschen und seit 300 Jahren deutsch das sein mag. Ich stelle mich da gerne in die Tradition von Goethe & Co.
Und doch habe ich, wie Hesse, das Gefühl des nach Hause Kommens. Fernweh und Heimweh in einem.

Einige werden sich erinnern, dass ich dieses Jahr nach sechs Jahren endlich wieder einmal nach Florenz fahre.
Je näher die Reise rückt, desto aufgeregter werde ich. Nicht die Aufregung vor anderen Urlauben: Wie wird es dort sein? Was werde ich dort sehen?
Nein, eine gänzlich andere Art von Aufregung: Ist es noch so, wie ich es in Erinnerung habe? Werde ich mich noch zurecht finden? Kenne ich mich noch aus?

Wenn ich meine Bilder durchgehe, habe ich dieses Gefühl von Vertrautheit. Stimmt es oder trügt es mich? Bin ich nur vertraut mit meinen Bildern und den Erinnerungen? Aber nicht mehr mit der Stadt selbst?

View over Firenze

Es fühlt sich irgendwie an wie eine Heimkehr. Als kehrte ich nach langer Abwesenheit nach Hause zurück. Oder zumindest in EINES meiner Zuhause.
Wenn ich heute Wien besuche, habe ich das Gefühl, nur für ein paar Wochen weg gewesen zu sein. Wie wird es sich in Florenz anfühlen? Wird mich die Freude völlig umwerfen, sobald ich den Bahnhof verlasse? Oder wird sich alles „normal“ anfühlen?

Und ist es übertrieben, solche Gedanken zu wälzen, wo ich doch gerade einmal einen Monat in dieser Stadt gelebt habe. Ein längerer Urlaub sozusagen. Nicht mehr. Und doch ein Urlaub mit Alltag, mit Schulbesuchen von Montag bis Freitag, eigener Wohnung, in der wir gekocht, gelebt und gelernt haben. Und das macht für mich den Unterschied. Der Alltag unterscheidet diesen Aufenthalt von einem Urlaub. „Für diese drei Monate war ich ein Bewohner Roms“, schreibt Elizabeth Gilbert sinngemäß in „Eat Pray Love“. Und ich war – zumindest für diesen einen Monat – irgendwie ein Bewohner von Florenz. Und dieser Monat war noch dazu für mich immens wichtig und prägend.

in Florenz, 2009

2009 in Florenz. Aufgenommen von meiner damaligen Mitbewohnerin. Meine Güte, seh ich da jung aus.

Ich glaube nicht, dass ich mich einfach nach dieser Zeit und dem damaligen Gefühl zurücksehne. Nein, das glaube ich wahrlich nicht. Aber vielleicht sehne ich mich danach, mich vor diesem Hintergrund noch einmal zu betrachten. Meine Fortschritte, meine Entwicklungen, meine Wandlungen, mein Leben. Wer war ich damals und wer bin ich jetzt? Wie ging ich weiter vom diesem Ort aus, bis ich heute wieder zurückkehrte?

Wie dem auch sei: Nun kehre ich also endlich wieder zurück. Und zwar nicht alleine, sondern in Begleitung meiner Mutter, anderer Familienmitglieder und eines Freundes. Und zum ersten Mal überhaupt komme ich dazu, anderen diese Stadt zu zeigen, die mir so viel bedeutet, in der ich eine so prägende, wenn auch viel zu kurze Zeit verbracht habe.

Heimweh? Fernweh?
Egal, ich freu mich drauf und kann es kaum erwarten!

View over Firenze

Fernweh… so lautet das dritte Wort des diesjährigen txt.projektes. Durch Paleica bin ich darauf aufmerksam geworden und es verlangt geradezu danach, mich ihm hier auf meinem Blog zu widmen.

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12 Gedanken zu “Von Fernweh und Heimweh

  1. Toller Artikel! Hört sich so ein bisschen an wie das, was ich für Peking empfinde. Ich bin schon gespannt auf das, was Du schreibst, wenn Du wieder zurück bist.
    Jedenfalls wünsche ich Dir eine tolle Zeit in Florenz.
    Beste Grüße
    Ulrike

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    • Na, jetzt war ich anfangs nicht so sicher ob „so deutsch“ ein Kompliment sein soll 😉 Aber dann habe ich weitergelesen und gewusst, was du meinst.
      Ich danke dir 🙂

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  2. was für ein wunderbarer artikel. sehr schöne gedanken, die ich grade zu italien – wie ich spätestens seit letztem jahr weiß – zu 100% nachvollziehen kann (obwohl ich dort nie gelebt habe, auch nicht für einen monat). es ist etwas ganz spezielles, das eine doch sehr andere kultur zu einem fremden zuhause für mich macht.

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