Wiener Momente #9 – Der Himmel über Favoriten

Sonnenuntergang über Wien-Favoriten

Das war der Blick von unserem Balkon bei Sonnenaufgang, Ende November.

Die „Gutmenschen“ sollen doch mal aus ihren schicken Vierteln raus und dorthin ziehen, wo viele Ausländer leben, hört man oft.Ich habe fast sechs Jahre in Wien-Favoriten gewohnt, dem 10. Wiener Gemeindebezirk.

Favoriten hat keinen besonders guten Ruf. Es ist ein klassischer Arbeiterbezirk mit einem hohen Migrantenanteil. Schon während meines Auslandsjahres im Studium schauten mich die Leute groß an, wenn ich sagte, dass ich in Favoriten wohne. „Da wohnen schon viele Ausländer“, hieß es. Das fand ich seltsam – ich war ja einer davon.
„Das hier ist die Bronx von Wien“, sagte eine Mitbewohnerin im Studentenwohnheim. An meinem ersten Abend fuhr ich deshalb mit dem Taxi heim und spähte aus den Fenstern, ob ich irgendwo marodierende Cliquen sehen würde.

Ich mochte Favoriten. Ich lebte gerne dort. Ich mag Multikulti. Weder hatte ich jemals ein Problem mit einem Türken oder Araber, noch mit dem in der selben Straße gelegenen Asylbewerberheim (von dem ich erst nach zwei Jahren erfuhr).
Ich mochte es, dass man überall fremdländisches Essen bekam – selbst um 4 Uhr früh, wenn es sein musste. Ich mochte es, dass noch Lokale offen waren, wenn ich nachts nach hause kam. Selbst wenn ich sie nicht besucht hätte – im Notfall hätte ich dort hinein schlüpfen können. Das vermittelte mir Sicherheit.
Ich mochte es, dass wir am Sonntag Abend um 22 Uhr Palatschinken backen konnten – und dann spontan beschlossen, beim Araber ums Eck noch syrische Feigenmarmelade dazu zu holen.
Und ich mochte die sehr gute öffentliche Anbindung. Ich kam ohne umsteigen zu müssen auf die Mariahilferstraße, zum Westbahnhof und in die Innenstadt.

Ich habe all die Jahre meines Wienaufenthalts in Favoriten gelebt. Und ich war tatsächlich sehr gerne dort.


 Ein Beitrag für #BloggerGegenRassismus

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15 Gedanken zu “Wiener Momente #9 – Der Himmel über Favoriten

  1. ich muss sagen, ich wohne lieber in mariahilf als ich in favoriten wohnen würde. habe eine weile mehr oder weniger in ottakring gewohnt und mich dort nicht so wohl gefühlt, habe allerdings auch die eine oder andere ncihts so prickelnde erfahrung gemacht – ich schätze mal, davon hängt dann doch einiges ab. das bild ist allerdings einfach wundervoll!

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    • hmmm, welcher Art waren die Erfahrungen? Ich hätte ja z.B. weiter im Süden von FAvoriten auch eher ungern gewohnt, genauso wenig wie in der Gegend um den Matzleinsdorfer Platz. Da fühlte ich mich nie wohl – schon gar nicht, wenn es dunkel war.

      Im nördlichen FAvoriten, Nähe Reumannplatz / Keplerplatz fühlte ich mich dagegen immer wohl. Und ich hatte nie irgendwelche Probleme. Klar, quatsche einen mal jemand an, aber den hat man ignoriert und ging weiter. Belästigt hat mich nie jemand – nur einmal. Im 19. Bezirk, ein besoffener Österreicher :-/

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    • mir ist es halt einige male passiert, dass männergruppen mit dem finger auf mich gezeigt und ganz offensichtlich über mich geredet haben, mir nachgerufen… sowas finde ich einfach nicht in ordnung. auch wenn man bemerkt hat, wie aggressiv einige männer ihre frauen behandelt haben fand ich das nicht schön. nicht, dass es das anderswo nicht gibt, aber wenn ich sowas sehe dann macht mich das echt aggressiv. was halt für mich ein knackpunkt war, dass ich in einem billa war als der überfallen wurde, mit pfefferspray und viel geschrei und einigem drum und dran, eine waffe hatten sie auch dabei. und es ist halt in der gegend um uns rum oft passiert. das war für mich schon ein ziemliches schockerlebnis und da war es dann für mich einfach vorbei und ich war heilfroh, als ich dort weg war. und einer freundin von mir ist dort ums eck ein exibitionist nachgegangen und hat sie nicht in ruhe gelassen, muss man jetzt auch nicht haben.

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    • uhhh, unschön… solche Erlebnisse blieben mir zum Glück all die Jahre erspart. Tatsächlich hatte ich „nur“ drei Erfahrungen, die ich als übergriffig erlebt habe – einer war dieser besoffene Typ in einer Kneipe. Ein anderer war einer früh in der S-Bahn, der mir ungeniert mitteilte, mit mir würde er ja gerne mal ein Kind machen O.o Und der dritte war im MQ, der ungefragt anfing, meine „T*tten“ zu loben.

      Was es öfter mal gab irgendwo, waren Männer (meist nicht in Gruppen), deren Anmache in einem „tztztz“ bestand, wie man Katzen locken würde. Mehr haben die aber meist auch nicht von sich gegeben …

      aber verstehe gut, wenn einem mehrere blöde Sachen in einer Ecke passieren, fühlt man sich dort nicht mehr wohl.

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    • katzen locken?? das kenne ich dafür nicht ^.^ wobei… ich glaub sowas ähnliches hatte ich mal am schwedenplatz, irgendwas klingelt da grade.

      ja ich hatte da schon einige solche dinge und man speichert das dann halt einfach ab. und ich bin halt so jemand, ich mag dieses permanente angequatscht werden halt so gar nicht, von wem auch immer das kommt.

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    • tatsächlich muss ich sagen, dass ich mich manchmal, wenn ich an Gruppen junger Männer vorbeikam, gegen einen blöden Spruch rüstete – und dann kam gar nix oder ein total freundliches Kompliment. Und dann ertappte ich mich immer selbst mit meinen Vorurteilen „drei junge Männer sitzen da und schauen mich an, da muss jetzt gleich was sexistisches kommen“… tja, eben nicht immer

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    • ja, das stimmt. ich wechsle dann meistens einfach die straßenseite, dann kommt tendenziell auch nix.

      was ich schon wirklich mühsam finde ist dieser typ, der in der u4 rumrennt und alle frauen auf ein bier einladen will. ist dir der mal begegnet?

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    • äh, ne… noch nie O.o Den kenn ich nicht, bin aber auch nicht ständig U4 gefahren
      am schlimmsten fand ich U6 fahren. Ein Kuriositätenkabinett war das. Die U1 war dagegen sauharmlos

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  2. Hallo Ilona,
    das hört sich nach einem Stadtteil an, in dem ich gerne wohnen würde.Dass mir in meinem Alter noch Männer hinterher pfeiffen, ist eher unwahrscheinlich. Aber ich kann mich erinnern, das ich das früher eher als Kompliment abgetan habe.
    Natürlich prägen persönliche Erlebnisse auch solche Vorlieben oder Abneigungen. Wo ich mich immer besonders unwohl fühle und ängstlich werde, sind diese menschenleere Vororte mit den Einfamilienhäusern…
    LG
    Ulrike

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