Wandering and listening: meine persönliche Wanderlust-Hitparade

Wanderlust halte ich für ein bestimmendes Moment in meinem Leben. Ich wechsle gerne den Ort – den Aufenthaltsort für den Urlaub. Und den Wohnort. Mein diesjähriger Umzug wird wohl auch nicht der letzte gewesen sein.

Aber diese Wanderlust geht mit Abschieden einher, mit schmerzhaften Trennungen von Menschen, die einem viel bedeuten. Manche Abschiede dagegen fallen einem leicht. Es gibt so viele verschiedene Abschiede – und das Faszinierende daran ist, dass so ziemlich jeder davon schon einmal besungen wurde.

Hier also meine ganz persönliche Wanderlust-Hitparade

Ursprünglich wollte ich meinem Blog ein Wortspiel aus „Wandering“ und „Wondering“ als Titel geben. Aber egal, welche Kombinationen ich durchprobierte – sie waren alle bereits vergeben.
Irgendwann hatte ich genug und übersetzt es einfach auf deutsch. Heraus kam der jetzige Titel: Wandernd.

Das gefällt mir eigentlich ganz gut, denn warum müssen deutschsprachige Blogs so oft einen englischen Titel haben?
Andererseits weiß ich, dass der Titel auf deutsch irreführend ist und viele auf den ersten Blick glauben, es handle sich um einen Wanderblog. „Wandering and Wondering“ hätte viel besser ausgedrückt, was ich mit dem Titel eigentlich sagen wollte.

„Wandern“ meint für mich mehr als einen Fuß vor den anderen zu setzen, um durch die Natur zu gehen. Es beschreibt ein Lebensgefühl, das Unterwegs Sein, nicht-sesshaft Sein, zumindest nicht dauerhaft. Es ist kein Zufall, dass gerade Hesses „Wanderung“ für mich so eine Bedeutung hat, ein schmaler Band, in dem er anhand einer tatsächlichen Wanderung durch das Tessin seine Wandlung vom sesshaften Bürger zum Nomaden, zum Wanderer beschreibt.

Hesse-ZitatEin Lied, dass dieses mein Lebensgefühl als „analoger Nomade“ wunderbar ausdrückt, ist „Wanderlust“ von Heather Alexander


Ich schätze dieses Lied, weil es die schmerzhafte, verlustreiche Seite der Wanderlust so deutlich zeigt. Sie ist eben nicht immer eine Lust, sie hat auch nicht notgedrungen etwas mit „mehr Freiheit“ zu tun – und sie bringt schmerzliche Trennungen mit sich:

For with my heart I loved you truly
Though I’m forced to treat you cruelly(…)
The captain asks if I’m a-feared
A smile tangled in his beard
His laughter tells me he must know
The pain that I now undergo.

For the fever’s upon me
And the Captain is calling
I cannot stay with thee
My destiny’s calling
I’ll never be free, but I do what I must
A captive of my wanderlust

Nach den Jahren aus Wien wegzuziehen fühlte sich für mich notwendig an. Mein Leben stagnierte, aber nicht an einem Punkt, der mir richtig schien (so es den überhaupt gibt). Trotz allem ging ich auch mit einem weinenden Auge, denn ich ließ viele wunderbare Menschen zurück, die mir lieb und teuer waren, mit denen ich viel Zeit verbracht hatte. Ich würde jetzt sozial wieder bei Null beginnen müssen. Das ist das Schlimmste am Umziehen.

I cast my fate into the wind
I have no mate, nor kith, nor kin
For I must go where I am sent
A victim of self-banishment

Als ich nach meinem Studium nach Wien zog, war ich voller Enthusiasmus. Ich freute mich, endlich wegzukommen! Und doch ließ ich nicht nur meine Heimat- und Studienstadt zurück, sondern einen ganzen Lebensabschnitt, der zu den besten meines Lebens zählt, in dem ich Menschen kennen lernte, die bis heute zu meinen engsten Freunden gehören.
Ich wollte diese traurige Komponente nicht wahrhaben und verdrängte sie: Jetzt begann ein neuer Lebensabschnitt, der Rausch der Freiheit und des Neuen war verlockend – alles würde wunderbar werden!

Hey, alles glänzt, so schön neu.
Hey, wenns dir nicht gefällt, mach neu.
Hier ist die Luft verbraucht, das Atmen fällt mir schwer.
Bye Bye ich muss hier raus, die Wände kommen näher.
Die Welt mit Staub bedeckt, doch ich will sehn wo’s hingeht.
Steig auf den Berg aus Dreck, weil oben frischer Wind weht.
Hey, alles glänzt, so schön neu.

Wenn Peter Fox so sang, sang er mir aus der Seele.

Natürlich wurde aber nicht sofort alles wunderbar. Auch hier musste ich mir erst einen Freundeskreis aufbauen. Einsamkeit, auch vorübergehende, ist für mich eine emotionale Katastrophe und plötzlich merkte ich, was ich zurück gelassen hatte.

Ich kenne kein Lied, dass diesen melancholischen Rückblick auf einen Lebensabschnitt, den man enthusiastisch und fast schon leichtfertig hinter sich gelassen hat, so gut ausdrückt wie „Wir hatten eine gute Zeit“ von den Wise Guys.

Auf vollen Koffern sitz ich allein am Zeitungsstand
mit einer trocknen Kehle, das Ticket in der Hand.
Ich wollte lieber ohne euch allein zum Bahnhof gehn
und einfach in den Zug rein, ohne mich groß umzudrehn.

Das war vielleicht die beste Zeit,
die Zeit meines Lebens,
doch jetzt ist es für mich so weit.
Wir hatten eine gute Zeit.


Ich habe Rotz und Wasser geheult, wann immer ich dieses Lied damals hörte. Und auch heute bekomme ich noch feuchte Augen und habe einen Kloß im Hals.

Es gibt aber auch die anderen Abschiede. Aus der niederbayerischen Pampa zog ich weg, ohne groß zurückzublicken – und wenn, dann erleichtert. Ich ließ nichts zurück, was mir etwas bedeutete.

Es gibt nichts, was mich hält, Au Revoir!
Vergesst, wer ich war
Vergesst meinen Nam’n


Ob man meinen Namen vergisst? Einige sicher. „Da war doch mal die, die nur ne Weile dabei war, die… na, wie hieß sie noch gleich?“
Eigentlich ist es mir egal, wenn manche Menschen meinen Namen vergessen – ich habe auch so viele vergessen. Es ist eigentlich unglaublich, wie viele Menschen man auf seinem Lebensweg trifft. Manchmal geht man nur aneinander vorbei, manchmal geht man ein Stück gemeinsam – und dann trennen sich die Wege wieder. Ich erinnere mich an einige Situationen oder ihr Gesicht oder ihren Stil. Manchmal, wenn sie mir in den Sinn kommen, frage ich mich, was aus ihnen wohl wurde. Aber ich werde es nie herausfinden, da ich ihren Namen vergessen habe.
Für manche Menschen gehöre ich zu diesen Leuten. Das ist wohl in jedem Leben so, aber bei häufigen Ortswechseln wohl noch viel mehr Normalität. Auch wenn ich immerhin lange genug an den jeweiligen Orten war, um nicht schon „nach Tagen“ vergessen zu werden, wie es Hannes Wader besingt. „Heute hier, morgen dort“ bedingt, dass ich in den Köpfen vieler Menschen eher eine vage Erinnerung bleiben werde.

Dass man mich kaum vermisst,
schon nach Tagen vergisst,
wenn ich längst wieder anderswo bin,
stört und kümmert mich nicht.
Vielleicht bleibt mein Gesicht
doch dem ein oder anderen im Sinn.


Ein Lied gibt es noch, das in dieser Auflistung nicht fehlen darf. „Wanderlust“ von Heather Alexander hat – völlig zu Recht, wie ich finde – die Idee in Frage gestellt, dass von Wanderlust Getriebene völlig frei sind. Sie tun, was sie tun müssen, um glücklich zu sein, so wie es wohl die tun, die ein Haus bauen und sich niederlassen. Das eine bedingt, das andere aufzugeben.
Was das von Wandern geprägte Leben aber mit sich bringt, ist das Gefühl der Freiheit, der vielen Möglichkeiten. Und auch wenn andere, Sesshaftere es einem vielleicht nicht ansehen oder anmerken, auch wenn der derzeitige Zustand eigentlich sehr schön und angenehm ist, so ist man im Kopf doch schon immer mit der Möglichkeit des nächsten Aufbruches befasst. Denn die nächste Wanderung kommt, „egal wie schön ein Ort ist, wie schön ein Haus gebaut“

Vielleicht fragst du dich,
manchmal weswegen ich,
so oft allein am Fenster steh,
ich dir so oft nicht zuhör,
blind für dich und jeden,
mit offnen Augen schlafend,
durch die Straßen geh,
in meinen Gedanken bin ich,
dann kilometerweit,
von hier und mir entfernt (…)
egal wie schön ein Ort ist,
wie schön ein Haus gebaut,
es hat nichts mit dir zu tun,

Für keine Liebe, keinen Reichtum,
für keine Kohle dieser Welt,
für keinen Schatz gäb ich die Freiheit,
gäb ich meinen Platz vorm Himmelszelt.


Dieser Artikel ist mein Beitrag zu Marcs Blogparade „Musikalische Erinnerungen – der Sound des Reisens„. Man verzeihe mir die Variation des Themas. Aber das passt ja zum Thema „Musik“ 😉
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20 Gedanken zu “Wandering and listening: meine persönliche Wanderlust-Hitparade

  1. also ich habe deinen titel eigentlich genauso verstanden, wie du ihn anscheinend gemeint hast. wandering and wondering. ich finde deutsche titel für deutsche blogs irgendwie auch schöner. obwohl ich auch einen englischen zwischentitel hab. aber hauptname und untertitel sind immerhin doch meiner muttersprache treu geblieben.

    das lied von den wise guys muss cih mir noch in ruhe anhören.
    ein zitat, das mir während des lesens gekommen ist: freedom is just another word for nothing left to lose.
    beleuchtet vielleicht einen anderen aspekt, aber es spielt für mich da schon mit rein. zumindest damit, dass man etwas verlieren muss, um frei zu sein.

    Gefällt 1 Person

    • ich wurde schon oft angesprochen, ich hätte ja echt nen schönen Blog. Anfangs hätte man gar nicht drauf geklickt, weil man dachte, es sei ein reiner Wanderblog…

      Mit dem Zitat konnte ich tatsächlich nie etwas anfangen, obwohl ich es noch nie aus der Perspektive gesehen habe, muss ich gestehen.
      Meiner Meinung nach gab es einfach immer etwas zu verlieren, solange man lebt. Aber das heißt ja auch nur, dass man, solange man lebt, nie ganz frei sein kann.

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  2. Pingback: Der Sound des Reisens - travellus

  3. Pingback: Musikalische Reiseerinnerungen: Zusammenfassung meiner Blogparade - Reisezoom.com

  4. Hey Ilona,
    den Beitrag find ich irre spannend. Nicht nur, weil wir scheinbar einen ähnlichen Musikgeschmack haben, sondern auch weil man so viel über Dich erfährt.
    Dass die „Wanderlust“ auch weniger schöne Aspekte mit sich bringen kann, daran hab ich ehrlich nie gedacht, obwohl es natürlich total auf der Hand liegt.
    Für mich als Wenig-Reisende (glaub fast, dass ich meine Urlaubsorte an maximal zwei Händen abzählen kann), sind Menschen wie Du immer total faszinierend.
    Da verliert man schnell aus den Augen, dass eben nicht immer alles goldig ist, wenn man stetig weiter geht.
    Finds hoch interessant, bin aber gerade noch zu müde, um meine Gedanken richtig zu sortieren 😀

    P.S.:
    Ich glaube übrigens nicht, dass dein Blog(name) die Menschen vom Klicken abhält 😉 Manches brauch seine Zeit. Hab gelesen, dass das alles hier erst seit einem Jahr existiert. Dafür ist hier ganz schön viel Trubel!

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    • Danke schön 🙂 Ich glaube, man findet immer das faszinierend, was man selbst nicht hat oder ist. Sei es, dass man selbst gerne so wäre oder aber eben, dass man es eigentlich gar nicht nachvollziehen kann.

      Interessant aber, dass Du sagst, es sei dir gar nicht bewusst gewesen, dass Wanderlust auch weniger schöne Aspekte mit sich bringt. Denn die sind es eigentlich, die viele Menschen vorbringen, warum sie eben nicht so leben wollten. „Aber meine ganzen Leute sind doch alle hier“ z.B. oder „Ich kenn dort doch gar keinen“
      Und das ist wirklich der unschönste Teil daran…

      Und danke für deine Einschätzung zum Trubel auf meinem Blog 🙂 😀

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  5. Buenas tardes, liebe Ilona,
    Noch etwas im Jetlag habe ich mich gleich auf die Suche nach Deinem Blog gemacht, der mir gut gefällt. Bin sehr gespannt, was Du über Cuba schreiben wirst. Werde immer mal wieder vorbeischauen.
    Alles Gute und: Hasta la victoria siempre! 😉

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    • Hallo Sabine, schön von Dir zu lesen – und schön, dass Dir mein Blog gefällt 🙂 Sobald ich wirklich angekommen bin, werde ich mich auch an den (oder eher die) Kuba-Artikel machen.

      Hasta siempre comandante 😉

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