Begegnungen #4 – Wie wir an einem Tag den Glauben an die Menschheit verloren und wiederfanden

Es war im Juni 2007. Ich verbrachte gerade mein Auslandsjahr in Wien und Sabine kam mich besuchen. Da wir erst zwei Jahre zuvor unsere Begeisterung für das Radwandern entdeckt hatten, war uns klar, dass wir eine Radwanderung unternehmen wollten; und was bot sich da besser an, als ein Stück den Donau-Radweg entlang zu fahren?
Die Strecke Passau-Wien hatte ich bereits alleine im Frühjahr hinter mich gebracht. Wir wollten nun also gemeinsam von Wien nach Budapest fahren.

Das wirklich praktische an diesem Radweg ist die gute Infrastruktur und auch wenn wir auf dem Donau-Radweg zwischen Komarom und Esztergom die Donau gar nicht zu Gesicht bekommen haben, so war die Tour doch abwechslungsreich und einfach zu bewältigen und verlief ohne nennenswerte Zwischenfälle – bis zur letzten Etappe: Esztergom – Budapest!

Esztergom-Budapest spielt für uns in derselben Liga wie Bullenheim-Iphofen auf unserer ersten, desaströsen Radtour.
Dabei sah anfangs alles noch wirklich gut aus: Wir radelten meist genüsslich an der Donau entlang und sahen unterwegs so viele idyllische Uferfleckchen, dass wir uns schon freuten, an einem davon unsere Mittagspause zu verbringen. Es war schrecklich heiß und unsere Füße ein bisschen ins Wasser hängen zu können und in der Sonne zu dösen würde uns gut tun.
Gesagt, getan. Zur Mittagszeit steuerten wir eines dieser idyllischen Eckchen an. Vorne, direkt am Donau-Ufer, lagen viele Leute. Wir wollten uns zum Essen aber lieber in den Schatten setzen und zogen uns ein bisschen zurück. Unweit einer Mutter mit ihren etwa acht Kindern ließen wir uns unter Bäumen nieder, packten unseren Gaskocher aus und kochten eine Dose Ravioli.

Ein bisschen laut war die Großfamilie ja schon. Die Kinder schrien herum und überhaupt schien niemand in normaler Lautstärke miteinander kommunizieren zu können. Aber egal, wir wollten ja eh nur unsere Ravioli essen und uns dann wieder zu den anderen Leuten am Ufer verziehen.
Die Kinder fanden uns zunehmend spannend und es dauerte nicht lang, bis sie sich im Kreis um uns herum aufbauten.
Zuerst fanden wir das witzig. Wir waren wohl eine echte Sensation für sie, dachten wir. Dass sie dann begannen auch auf uns auf ungarisch einzuschreien, wurde allerdings zunehmend unangenehm. Wir fingen an, sie zu ignorieren, in der vergeblichen Hoffnung, sie würden das Interesse verlieren. Einfach schnell aufessen und dann gehen, verabredeten Sabine und ich und löffelten eilig unsere Ravioli. Die Kinder blieben unbeeindruckt.
Irgendwann gaben wir ihnen zu verstehen, dass sie uns in Ruhe lassen sollten. Das fanden sie unglaublich komisch und begannen, uns nicht nur anzuschreien, sondern anzufassen, zu stoßen, zu schubsen.
Das hier war kein Spaß mehr!

Wir wussten nicht, was diese Leute wollten, aber dass sie uns nicht wohlgesonnen waren, war offensichtlich. Zusammenpacken und nix wie weg hier, lautete die Losung. Aber plötzlich ging alles ganz schnell.

Als sie erneut von mehreren Seiten gestoßen wurde, drehte sich Sabine um und schubste das nächstbeste Kind zurück – leider erwischte sie dabei das Kleinste. Nun mischte sich auch die Mutter ein und flippte vollkommen aus.
Wenn normalerweise eine von uns die Nerven verlor, dann war es ich. Sabine war die Ruhe selbst. Hier aber waren die Vorzeichen vertauscht und ich beobachte sprachlos und voller Entsetzen, wie sich die sonst so besonnene Sabine und die Ungarin gegenseitig in verschiedenen Sprachen anschrien und beschimpften, während die Kinderschar begann, unser Essen samt Topf und Habseligkeiten, derer sie habhaft werden konnten, im Gebüsch zu verteilen.
Nachdem ich mich aus meiner Schreckstarre gelöst hatte, jagte ich hinter unseren Sachen her, stopfte sie in die nächstbeste Fahrradtasche und verließ mit Sabine fluchtartig den Strand. Hinter uns neun Leute, die uns Dosen und Steine hinterher warfen und mit Stöcken auf unsere Fahrräder eindroschen.

Zitternd erreichten wir wieder den Radweg und starrten uns an.
„Was war das?“, fragte ich.
„Ich weiß es auch nicht!“, antwortete Sabeine.
Wir wissen es bis heute nicht und haben nicht einmal eine Vermutung. Bei jeder anderen Begegnung auf dieser Tour haben wir die Ungarn als freundliche, hilfsbereite Menschen kennen gelernt. Aber jetzt war unser Glaube an die Menschheit erschüttert.

Wir fuhren weiter – allzu weit war es nicht mehr bis Budapest. Aber unser Radreise-Führer ließ uns im Stich. Angaben wie „Fahren sie bis zum Ende des Radweges und dann….“ halfen wenig, wenn Radwege inzwischen ausgebaut oder verlegt worden waren. Auch auf der beiliegenden Karte fanden wir uns nicht zurecht. Irgendwann wussten wir gar nicht mehr, wo wir weiter fahren mussten.
Unser neuerwachtes Misstrauen unterdrückend fragten wir eine vorbeikommende Frau um Rat. Sie spräche nicht genug englisch, um uns zu helfen, gab sie uns zu verstehen, aber ihr Sohn könne uns helfen, das Haus sei gleich ums Eck.
Wir folgten ihr also. Bevor wir zu ihrem Sohn traten, nahm ich noch einen Schluck aus meiner fast leeren Wasserflasche und verzog das Gesicht, weil es so warm und abgestanden war. Die Frau lachte über meinen Gesichtsausdruck und ich lachte zurück.

Ihr Sohn erklärte uns, wie wir weiter fahren müssten und wo auf der offenbar hoffnungslos überholten Karte des Radreise-Führers wir gerade waren. Wir bedankten uns artig und wandten uns zum Gehen, als die Ungarin in der Tür erschien und uns lächelnd eine große, gekühlte Flasche Wasser in die Hand drückte.

Sie wollte uns nur eine kleine Freundlichkeit erweisen und konnte ja nicht ahnen, dass sie an diesem Tag mit dieser kleinen Geste unseren Glauben an das Gute im Menschen gerettet hat.
Wann immer irgendwo von „random acts of kindness“ die Rede ist, erzähle ich diese Geschichte.


Diese Begegnung passt perfekt zum dreizehnten Wort des *txt-Projektes von Neon Wilderness: Verstehen
So viel gab es, was wir nicht verstanden: Ganz einfach verstanden wir nicht, was die Großfamilie sagte… äh schrie. Und bis heute verstehen wir nicht, was da eigentlich passiert ist und was sie von uns wollte.
Dagegen verstanden die zweite Ungarin und wir uns ohne viele Worte und ohne gemeinsame Sprache und sie verstand sehr schnell, mit was sie uns eine Freude machen konnte.

Außerdem reiche ich ihn nach zur Blogparade „Meine besonderen Begegnungen auf Reisen“ von Die Gradwanderung.

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11 Gedanken zu “Begegnungen #4 – Wie wir an einem Tag den Glauben an die Menschheit verloren und wiederfanden

  1. die sache mit den 8 kindern ist wirklich sonderbar – und sehr unangenehm. wie schön, dass ihr nur wenig später so etwas positives erlebt habt. ich war ja anfang august zum ersten mal in budapest und war auch total begeistert, wie freundlich dort alle waren.

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  2. Pingback: Storytelling Monatsrückblick September - Bezirzt

  3. Ich habe die Ungarn genau so kennengelernt wie Eure zweite Begegnung es war. Ich liebe die Ungarn, ich kann es nicht anders sagen. Aber die Begegnung mit der Großfamilie war… strange. Da hätte ich auch die Flucht ergriffen.

    Viele Grüße!

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  4. Das zeigt auch mal wieder in aller Deutlichkeit, dass man nicht alle Menschen „über einen Kamm scheren“ darf. Danke, dass Du diese Begegnungen mit uns geteilt hast!
    LG
    Ulrike

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    • Das empfiehlt sich sowieso nie. Und ich glaube, je mehr man mit Menschen zu tun hat – und v.a. auch mit Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion, Hautfarbe etc – desto mehr erkennt man das.

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  5. Pingback: Wie ich in Rom die Visitenkarte einer Nonne bekam - Die Gradwanderung

  6. Ein toller Beitrag. Was so eine kleine Geste ausmachen kann, darüber ist man sich manchmal gar nicht bewusst. Vielen Dank, dass du an meiner Blogparade teilnimmst. 🙂

    Herzlich,
    Anna

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  7. Pingback: Wie ich in Rom die Visitenkarte einer Nonne bekam · Die Gradwanderung

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