#5 Vom Seinetal an die Blumenküste. Klangvolle Namen, Geisterstädte und saftige Wiesen

Mit dem Fahrrad zum Mont St. Michel, Teil 5
Die bisher erschienen Artikel über unsere Normandie-Reise:

#1 Mit dem Fahrrad zum Mont St. Michel. 716 km durch die Normandie
#2 Der Weg ist das Ziel – oder so
#3 Normannischen Boden unter den Rädern. Ankunft in Rouen
#4 Verfallene Größe und idyllische Landstraßen. Mit dem Rad durch’s Seinetal

Hundemüde waren wir nach unserem ersten Tag auf dem Rad in Jumièges auf die Isomatten gesunken. In der Nacht wachte ich auf, weil draußen offenbar gerade die Welt unterging. Es regnete. Es regnete? Es schüttete wie aus Kübeln. Und schon war ich hellwach. Ach nein, nicht wirklich, oder? Automatisch fuhr ich leicht über die Zeltwand, um zu checken, ob unser altes Zelt dem Regen stand hielt, ob es genug gespannt war und ob zufällig eine der Satteltaschen an der Zeltwand anlag. Es war trocken – und fürs erste beruhigt schlief ich wieder ein. Aber der treue Begleiter bei einer Radtour ist doch immer: Die Befürchtung, es könnte regnen. Damit sinkt das Vergnüngen nämlich rapide ab.
Ich kann nichts dafür: Ich finde, dass Radfahren bei Regen einfach nicht wirklich Spaß macht. Wenn es ein bisschen regnet, wenn es nur ab und zu regnet. Meinetwegen – aber strömender Dauerregen ist scheußlich. Und gerade in einem regenreichen Gebiet wie der Normandie ist die Angst, dass genau so etwas eintreten könnte, mein ständiger Begleiter.

Doch der nächste Morgen zeigte sich trocken. Und es war das einzige Mal auf dieser Reise, dass wir im Zelt nicht frierend erwachten. Woran es lag, wissen wir bis heute nicht.

Von wo Laetitia Casta sicher gerne wegzog

Auch heute waren nicht allzu viele Kilometer zu bewältigen. 43km ging es durch das Tal der Seine, über die bereits genannte Route der Strohhütten, bis nach Pont-Audemer.
Pont-Audemer3Die Stadt, aus der Laetitia Casta stammt, nennt sich selbst großspurig „normannisches Venedig“, da der Fluss Risle in mehreren Armen und Kanälen durch den Ort fließt. Tatsächlich gibt es ein paar idyllische Ecken – doch wenn eine Stadt die Bezeichnung „normannisches Venedig“ verdient hat, dann eher Bayeux. Pont-Audemer machte im Großen und Ganzen den Eindruck, auf dem absteigenden Ast zu sein, oder wie Sabine es trocken bemerkte: Laetitia Casta weiß schon, warum sie von dort weg ist.
Wenn man nicht gerade auf der Durchreise ist und einen Platz zum Schlafen braucht, würde ich auch nicht unbedingt empfehlen, diese Stadt auf einer Normandie-Reise zu besuchen. Ich wüsste nicht, warum man es tun sollte.

Pont-Audemer2

ob das die Bezeichnung „normannisches Venedig“ rechtfertigt?

In einer Stadt, die touristisch nicht weiter interessant ist, eine Pont-Audemer1Unterkunft zu finden, ist gar nicht so einfach. Der alte Trick, einfach mal zum Platz mit der Kirche zu fahren, funktionierte hier nicht. Wir fanden schließlich eine sehr einfach aussehende Unterkunft, aber das Zimmer war nicht sofort beziehbar. Angeblich hatten die vorherigen Gäste noch ihr Gepäck darin stehen. Wir hielten das für eine Notlüge des Wirtes, der einfach nicht zugeben wollte, dass das Zimmer überhaupt erst hergerichtet werden musste, jetzt, wo so überraschend Gäste eintrafen. So ungefähr sah das Zimmer dann auch aus. So häufig sah es sicherlich keine Gäste.

Fachwerk_PontAudemer

Nach Honfleur

Am nächsten Morgen holperten wir erst einen Fußwanderweg am rechten Ufer der Risle entlang und unterquerten die Autobahn – und dann zeigte sich die Normandie schlagartig wieder von ihrer idyllischsten Seite: Bummelige Sträßchen, Auenlandschaften und saftige Wiesen.

Ach, die Wiesen der NoWiesen und Straßenrmandie! Man konnte sich daran nicht sattsehen. Sie waren grün und saftig und standen voller Blumen. Sie waren häufig nicht gemäht und auch sonst nicht landwirtschaftlich genutzt. Sie waren einfach da und eine Augenweide. Hier bemerkten wir erst einmal, wie selten man doch im Alltag so unversehrte, saftige, voll blühender Blumen stehende Wiesen zu Gesicht bekommt – warum sonst hätten wir jedes Mal aufs Neue voll Entzücken darauf reagiert, als sähen wir zum ersten Mal eine Wiese.
Wiesen

Bis Honfleur blieb es auch weitgehend beschaulich. In die Stadt hineinzukommen, kostete zwar einiges an Nerven, da der Autoverkehr spürbar zunahm, war aber durchaus machbar und nicht übermäßig kompliziert.
Der sehenswerte Teil der alten Fischerstadt – heute Ziel der Schickeria aus Paris – ist das alte Hafenbecken mit den angrenzenden Gassen. Der Anblick war durchaus nett und pittoresk, die schmalen, mit Schiefer versehenen Fassaden, die sich dicht an dicht um das Becken drängen, in dem das ein oder andere schöne Boot vor Anker liegt. Wir nutzten die enorme Restaurant-Dichte für unser Mittagessen und reihten und damit ein in die Scharen der Touristen.

Honfleur2Honfleur1Es hatte immer etwas Eigentümliches, wenn man viele Kilometer quasi allein durch unberührte Landschaft fuhr, einmal in der Stunde einem Auto begegnete – und dann plötzlich in einem Touristenort landete, wo sich die Menschen nur so drängten. In diesen Momenten war ich besonders froh, mit dem Fahrrad zu reisen – denn die Stille und Unberührtheit der Normandie hätten wir weder mit dem Auto noch mit dem Reisebus oder den öffentlichen Verkehrsmitteln wahrnehmen können.

In Honfleur hatte ich einen echten Durchänger und wollte partout nicht weiterfahren – schon gar nicht über die D513, eine Bundesstraße, die so ganz anders zu werden versprach, als die bisher erlebten Sträßchen. Aber es half doch alles nichts, die letzten Kilometer nach Trouville musste noch hinter uns gebracht werden.

Diese relativ kurze Strecke blieb uns als eine der unschönsten der Tour in Erinnerung. Die Kilometer zogen sich schrecklich. Die Straße war relativ stark befahren und hatte auch keinen Seitenstreißen, auf den man vor den mitunter knappen Überholmanövern hätte ausweichen können.
Zudem fragten wir uns, warum wir eigentlich schon wieder permanent Auf und Ab fahren mussten. In Honfleur hatten wir auf Meeresniveau gestartet, in Trouville würden wir auf Meeresniveau ankommen. Wenn die Straße dazwischen schon nicht auf Meeresniveau verlief – könnte sie nicht wenigstens auf EINEM Niveau bleiben? Und noch nicht einmal einen guten Blick auf das Meer hatte man. „Küstenstraße“ hieß nicht immer, was man sich davon versprach.

Keine Cocktails in der Geisterstadt

Deauville_Strand

Trouville – wo wir uns eine Übernachtung im Mercure gönnten – und Deauville sind zwei Städte, die aber lediglich durch das Flüsschen Touques getrennt sind und auch einen gemeinsamen Bahnhof haben. In Trouville lockten viele Bars und Restaurants entlang der Flussmündung, aber uns zog es nach Deauville.
Was hatten wir nicht alles darüber gelesen? Hollywoodstars hätten sich hier die Klinke in die Hand gegeben. Der Ort galt als der mondänste der gesamten Normandie, mit toller Strandpromenade und vielen Bars und Restaurants. Heute wollte ich einen Cocktail am Strand – so viel stand fest.

Deauville_Strand2 Kopie

nix los im dekadenten Strandbad

Deauville war eindeutig DIE Enttäuschung der Reise. Die Saison scheint über Juli und August nicht hinauszugehen und außerhalb dieser kurzen Zeit war der Ort eine Geisterstadt. Der Strand war verlassen, die Promenade lag öd, keine einzige Bar hatte geöffnet. Cocktail am Strand? Nicht Ende Mai in Deauville.

Wir kehrten also zurück nach Trouville und stärkten uns dort bei Crêpe und Cidre, bevor wir an den Strand gingen, um den Sonnenuntergang zu bestaunen.

Ich weiß nicht wie es euch geht, aber für mich haben Sonnenuntergänge immer etwas Erhabenes. Die Menschen starren alle auf den roten Ball, der vor ihren Augen versinkt, als hätten sie dieses Schauspiel noch nie gesehen. Und jedes Mal ist es aufs Neue faszinierend. Warum war ich nur seit Jahren nicht mehr am Meer gewesen?
Und so bot unser erster Abend am Meer zwar keinen Cocktail, aber immerhin eine herrlich rote Sonne, die in den Fluten versank.

Trouville_Sonnenuntergang2
Trouville_Sonnenuntergang

Noch Reiseliteratur gesucht?*

normandie_219Wie so oft hat uns auch auf dieser Reise ein Reiseführer vom Michael Müller Verlag begleitet.

Ralf Nestmeyer: Normandie
Michael Müller Verlag, 456 Seiten + herausnehmbare Karte (1:500.000), farbig
ISBN 978-3-95654-218-3
3. Auflage 2016


Alle bisher erschienenen Artikel über unsere Normandie-Reise:
#1: 716km durch die Normandie
#2: Der Weg ist das Ziel – oder so
#3: Normannischen Boden unter den Rädern. Ankunft in Rouen
#4: Verfallene Größe und idyllische Landstraßen. Mit dem Rad durch’s Seinetal
#5: Vom Seinetal an die Blumenküste. Klangvolle Namen, Geisterstädte und saftige Wiesen
#6 Lisieux. Ein fauler Tag mit dem Segen der heiligen Thérèse
#7 Kühe, Käse, Calvados – Mit dem Fahrrad durchs Pays d’Auge
#8 Von Falaise durch die Normannische Schweiz nach Caen
#9 „Urlaub vom Urlaub“ im wunderschönen Bayeux
#10 D-Day-Feiern an den Landungsstränden. „Where have all the flowers gone?“
#11 Lob der Faulheit

 

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4 Gedanken zu “#5 Vom Seinetal an die Blumenküste. Klangvolle Namen, Geisterstädte und saftige Wiesen

  1. Auch weniger prickelnde Tage gehören zu einer Tour. Wenn am Ende das positive überwiegt. Hat es sich schon gelohnt.
    Alle Folgen bisher, gelesen. Sehr schön geschrieben. Freu mich auf die Fortsetzungen.

    Gefällt 1 Person

    • Danke schön, Gerhard 🙂
      Du hast Recht: Es kann nicht immer nur glatt laufen. Und das gehört dazu. Dass man auch die weniger guten Tage durchhält, macht einem am Ende doch erst stolz. Stell Dir vor, es würde bei einer Tour immer nur sauber asphaltiert leicht bergab gehen? 😉

      Und trotzallem war diese Etappe keine Schlechte, ich habe sie nicht als negativ in Erinnerung, sondern als toller Teil eines großen Ganzen.

      Gefällt mir

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