Wien für Deutsche. Lektion 1: Von der Heimkehr

Österreich und Deutschland – v.a. Süddeutschland – sind sich eigentlich nicht so unähnlich. Na gut, sie redeten komisch auf der jeweils anderen Seite der Grenze. Bevor ich nach Wien zog, schaute ich immer die ZIB2 (die österreichische Tagesschau) im ORF an, um mich „abzuhärten“, wie ich das damals nannte. Und ich amüsierte mich wirklich gut dabei.
Nach einer Weile in Wien nahm ich den österreichischen Akzent gar nicht mehr wahr, aber immer wenn ich dann nach Hause kam, amüsierte sich meine Mutter, wenn ich mal wieder die Silben langzog. „Haha, du redest schon wieder so wienerisch!“ Ja, danke. Karma is a bitch!

Fast sechs Jahre verbrachte ich insgesamt in Wien. Es waren keine großen Kulturschocks, mit denen ich konfrontiert wurde – aber viele viele kleine. Auch nach der Rückkehr nach Deutschland 2014.

In Österreich gängige Bestellungen wurden in Deutschland einfach nicht verstanden: „Kann ich einen kleinen Saft haben, mit Leitungswasser aufgespritzt auf einen halben Liter“ etwa sparte einem viel Geld in Wiener Lokalen, weil man kein Mineralwasser oder Soda zahlen musste, sondern nur den kleinen Saft.
In Deutschland kam nur die Antwort: „Wie bitte?“ und man musste weiter ausholen: „Naja, einen kleinen Saft in einem großen Glas, das Sie dann mit Leitungswasser auffüllen.“
Ich merkte aber auch, wieviel leichter doch das deutsche „Traubenschorle“ über die Lippen geht als das österreichische „Traubensaft gespritzt“. Dagegen stolpere ich noch immer über die „Weißweinschorle“, wo doch der „Weiße Spritzer“ so kurz und knackig ist. Und überhaupt… Weißweinschorle trinken in Deutschland doch eher Omis, die „ihre Medikamente schon genommen haben“. Die Blicke, die man bekommt, wenn man das als junge Frau bestellt, sind mitunter etwas verwundert.
In Österreich ist der Weiße Spritzer ein völlig normales, angesehenes Getränk – auch für junge Leute.

Ein wirklicher Schock bei meiner Rückkehr war das Einkaufen. Ja, richtig gehört: Das Einkaufen! Im Supermarkt.
Solange ich zuhause gewohnt hatte, war ich nie zu hundert Prozent selbst für meine Versorgung zuständig. Auch wenn ich häufiger selbst kochte, war die Speisekammer doch immer gut gefüllt und ich kaufte hin und wieder etwas dazu. Ich hatte keine wirkliche Supermarktroutine.
In Wien war ich für alles zu hundert Prozent selbst verantwortlich. Ich musste mit meinem eigenen Geld haushalten und davon alle Ausgaben bestreiten. Ich wusste bald genau, in welchem Supermarkt ich welche Produkte am besten kaufte. Wo waren sie am günstigsten? Welche waren bio und galten als zuverlässig? Welche schmeckten mir besonders gut?
Und dann kam ich nach Deutschland zurück und stellte fest, dass ich von deutschen Supermärkten so gar keine Ahnung hatte. Wo stand denn das Gemüse? Wieso stehen da die Wochenangebote – da sollte doch das Gemüse stehen! Ahhh, das Gemüse steht da, wo ich die Getränke gesucht hätte! Aber wo waren dann die Getränke?
Selbst wenn ich bei den gleichen Supermarktketten wie in Wien einkaufte, irrte ich während meiner ersten Wochen in Deutschland vollkommen verwirrt durch die Regalreihen.
Obendrein gab es in Deutschland viel weniger Bioprodukte in den Supermärkten. Hatte sich Bio bei uns wirklich noch nicht so durchgesetzt wie im Nachbarland? Wenn man in Deutschland Bioprodukte wollte, dann musste man entweder viele verschiedene Supermärkte für einen Einkauf abklappern oder in den Bio-Supermarkt, wo alles gleich um einiges teurer war, oder eine Biokiste bestellen. In Österreich war das irgendwie viel leichter gewesen.

Außerdem wurde mir klar, wie hervorragend das Wiener Öffi-Netz doch ist. Als ich erfuhr, dass die U-Bahn in München nur alle zehn Minuten fährt, fiel ich vor Schreck fast um. Wenn man in Wien fünf Minuten auf die U-Bahn warten musste, grenzte das schon an eine Katastrophe. Die Wiener schimpften zwar immer über die Öffis, aber das konnten sie nur, weil sie von klein auf so verwöhnt waren und gar nicht wussten, wie gut sie es hatten.

Aber natürlich gab es auch Positives, das mir bei meiner Rückkehr nach Deutschland auffiel: Zum Beispiel bin ich nach wie vor dankbar, hier von der Dauerbeglückung mit Wahlplakaten einer gewissen rechtspopulistischen Partei verschont zu bleiben. Einer Partei, die nicht nur während der Wahlkampfzeiten, sondern absolut immer ganz Wien mit ihren geschmacklosen Parolen zupflasterte.
Zwar hat eine neue, deutsche Partei – deren Parteifarbe interessanterweise die gleiche war – erschreckend ähnliches vom Stapel gelassen, aber nach einer kurzen Hochphase beobachtete ich mit einiger Genugtuung, wie sie mehr und mehr in der Bedeutungslosigkeit versank [edit 2016: So kann man sich täuschen]. Rechtspopulismus fällt zwar in Deutschland auf ähnlich fruchtbaren Boden wie im Nachbarland, ist aber weit schlechter organisiert und damit – und ich hoffe, da bleibt so – bei den Parlamentswahlen nicht die drittstärkste Kraft.
Zumdem beobachte ich, wie sich in Deutschland der Widerstand besser organisiert – und das durch alle gesellschaftlichen Schichten. Vielleicht liegt es daran, dass meine Heimatstadt schon eine gewisse Tradition bei Anti-Rechts-Demos hat, aber auf diesen Demos sieht man Linke neben jungen Familien, Omas mit Rollator, Studenten, gutbürgerlichen Mittelklasseleuten etc. In Österreich habe ich mich von Demonstrationen irgendwann ferngehalten, da sie mir einfach ZU links waren. Ich gestehe: Ich fand es schön, in Deutschland mal wieder auf einer politischen Kundgebung vorbeizuschauen, ohne mich völlig ausgeschlossen und fehl am Platz zu fühlen.

Österreich und (Süd-)Deutschland sind sich also durchaus ähnlich, aber ich habe das Gefühl, dass ich gerade deshalb viel über mein Heimatland (und meine Heimatregion) gelernt habe: Es waren keine großen, grundlegenden Differenzen, sondern feine Nuancen, die mir aber doch vor Augen geführt haben, welch kleine, feine Dinge den Alltag prägen.


Dieser Artikel war eigentlich gedacht als Beitrag zur Blogparade „vom Heimkommen„. Leider Gottes hat – wie ich ja schon geschrieben habe – mein Internetanbieter einen Strich durch die Rechnung gemacht, so dass ich den Artikel erst jetzt online bringen und damit nur nachreichen kann.

Zudem soll der Artikel der Auftakt sein zu einer kleinen Reihe „Wien für Deutsche“ – auch wenn ich damit das Pferd sozusagen von hinten aufzäume und als erstes von meiner Rückkehr aus Österreich erzähle. Aber ich glaube, auch das kann ein guter Einstieg sein, führte es doch auch mir noch einmal einige Unterschiede vor Augen.

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12 Gedanken zu “Wien für Deutsche. Lektion 1: Von der Heimkehr

  1. die sache mit den supermärkten finde ich lustig. ist mir auch aufgefallen, als ich bei einer freundin zu besuch in düsseldorf war. keine ahnung wo man da was findet 🙂 und die getränke. das wort „schorle“ ist etwas, das mit bei lufthansaflügen immer nur seeeehr schwer über die lippen kommt 😀

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  2. hallo ilona! ich als tirolerin kann etwas neutral auf diesen artikel blicken, denn „wien ist anders“ 🙂 ich mag die stadt aber sehr gerne und fand es sehr interessant, die kleinen feinheiten die dir aufgefallen sind, zu lesen. was sich aber leider auch durchs ganze land – und alle altersschichten – zieht, hast du aber auch klar erkannt.. hier kann ich dir vielleicht „kc streichel“ auf facebook empfehlen, der zeigt eigentlich gut, wie lächerlich sich diese partei bzw. ihr obmann aufführt.
    schöne grüße aus den bergen tirols,
    lisi

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    • Ja, KC Streichel ist herrlich 😀 Die entsprechende Satire in Österreich war immer großartig 😀

      Ich habe meine kleine Reihe auch extra nicht „Österreich für Deutsche“ genannt, denn über Österreich als Ganzes kann ich gar nicht sprechen, nur für Wien. Außerdem hat es mich auch immer genervt, wenn man in Wien glaubte, alle Deutschen seien gleich – deshalb will ich sowas auch nicht über die Österreicher behaupten 😀

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  3. Pingback: Blogparade "Vom Heimkommen": Eure Beiträge - heldenwetter

  4. Hallo Ilona, ich habe auch ein paar Jahre in Österreich gelebt – in Salzburg – und ich war erstaunt, wie „fremd“ man doch teilweise dort als Deutsche ist… Das mit den Bioprodukten ist mir ebenfalls aufgefallen. Ich denke, die Menschen in Österreich sind durch die eher ländliche Struktur sehr naturverbunden. Ich habe vor kurzem einen Artikel über meine „Hass -Liebe“ Salzburg geschrieben, schau doch mal rein: https://anwolf.wordpress.com/2015/12/20/wunderbares-salzburg-aber-fuer-piefke-bitte-nur-als-tourist/
    Liebe Grüße! Andrea

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    • hallo Andrea,

      Ja, manchmal ist alles ganz anders – und manchmal ist dann alles doch genauso, aber die Österreicher sind der festen Überzeugung, dass man das gar nicht kennt und einem das völlig fremd ist 😀

      Ich schau gerne mal bei dir rein. Der Titel erinnert mich schon an einiges – u.a. an einen Artikel, den ich für die „Wien für Deutsche“-Reihe auch schon lange schreiben wollte

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  5. Lach! Als Wienerin, ok eigentlich Badnerin, in Köln, kommt mir da schon einiges bekannt vor, nur halt mit umgekehrten Vorzeichen! Ich würde sagen, ein Kulturschock Wien-Köln, Österreich-Deutschland ist durchaus real!
    Und du hast recht: Manchmal lernt man die eigene Kultur erst in der Fremde kennen – und schätzen.
    Danke schön!
    Liebe Grüße
    Steffi

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  6. Ich war schon lange nicht mehr in Österreich oder Wien. Aber ich hatte gerade eine Woche lang Besuch aus Wien. Das Mädel schwärmte davon, wie billig hier doch alles sei. Naja. da denkt man, dass sich durch die Globalisierung alles angleicht und schon merkt man, dass so ein kleiner Grenzübertritt einen in eine fast fremde Welt bringt.
    LG
    Ulrike

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