Der Luxus meines Passes

Kürzlich stieß ich auf eine Fotografie. Sie zeigt Touristen in Mitilini, die gerade aus der Türkei kommen und an Flüchtlingen vorbeigehen, die auf Lesbos auf ihre Registrierung warten.
„Für die Fahrt von der Türkei auf die griechische Insel zahlten die Touristen rund 13 Euro für die Hin- und Rückfahrt mit der Fähre. Die Flüchtlinge zahlen für dieselbe Strecke mit den Schlepperbooten ihren Aussagen nach rund 1200 Euro.“, lautet die Bildunterschrift.

Das hat mich betroffen und nachdenklich gemacht. Menschen zweier verschiedener Klassen. Wer darf einfach so auf die Fähre und für kleines Geld hin und her fahren, wie er will – und wer darf es nicht? Und warum eigentlich nicht?

Die Touristinnen schauen nicht links, nicht rechts. Sie gehen einfach vorbei. Fast schon kalt, könnte man denken. Andererseits: Keiner weiß, wie sie sich in dieser Situation fühlen. Vielleicht erkennen sie die Absurdität genauso, vielleicht fühlen sie sich furchtbar dabei – aber was sollen sie tun? Aus Solidarität mit den Flüchtlingen nicht die Fähre nutzen? Würde das etwas bringen? Würde das überhaupt jemand bemerken?

Ich war im letzten Jahr in einer Situation, die irgendwie ähnlich war – und mir ziemlich unangenehm.
In der Asylbewerberunterkunft, in der ich einmal die Woche Deutschnachhilfe gebe, musste ich meinen drei Schülern mitteilen, dass der Unterricht jetzt für zwei Wochen ausfiele, da ich nicht hier sei. Eigentlich wollte ich nichts weiter dazu sagen, da es mir schon ein bisschen unangenehm war, zu sagen, dass ich jetzt in Urlaub fuhr, wo sie keine Möglichkeit zur freien Reise auch nur innerhalb des Landes hatten.

Einer der Schüler war aber neugierig: „Oh, fahren Sie in Urlaub?“, wollte er wissen. Und als ich bejahte, fragte er weiter: „Wohin fahren Sie denn?“ – „Nach Marokko.“, gab ich zu.
Marokko kannte er. Über Marokko ist er geflohen – danach kam die gefährliche und teure Fahrt über das Mittelmeer.
Ich derweil buchte meine Marokkoreise ganz spontan, bestieg ein Iberia-Flugzeug und konnte hin und her fliegen wie ich wollte. Ich brauchte nicht einmal ein Visum. Europa – Marokko. Für uns ist diese Strecke so einfach zurückzulegen. Mal so nebenbei im Urlaub, für ein paar Tage kurz nach Marrakech. Andere wagen ihr Leben dafür.

In dem Moment, wo ich da im Klassenzimmer stand und sagte „Nach Marokko.“ Wurde mir bewusst, wieviel Glück ich doch hatte, im Hier und Jetzt geboren worden zu sein, im Deutschland des späten 20. Jahrhunderts. Dass diese Privilegien, die ich genieße, aber nichts als Glück und Zufall sind und kein eigener Verdienst, das sollte man sich wohl auch immer wieder vor Augen halten.

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8 Gedanken zu “Der Luxus meines Passes

  1. Ware Worte, und schöne Gedanken… Ich laufe täglich an unseren jungen und erwachsenen Flüchtlingen vorbei, bin freundlich und nett zu ihnen – weil wir mit ihnen arbeiten – aber im Alltag vergißt man immer wieder den unsichtbaren Rucksack, den diese Menschen mit sich rumtragen… Und wir vergessen immer wieder, warum es uns so gut geht – das Glück der Geburt am richtigen Ort.

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    • so wahr!
      Ich habe auch gute Erfahrungen mit den Flüchtlingen gemacht. Sie waren dankbar für die Hilfe, die ich ihnen geboten habe, grüßten mich, wenn ich in die Unterkunft kam, die Kinder kamen manchmal und fragten, ob ich denn Schokolade dabei hätte 😀 (Glück für sie, ich hatte tatsächlich welche dabei)
      Aber viele Leute vergessen, dass es genauso Menschen sind wie wir, die auch ihre Fehler und Schwächen haben, die nicht perfekt sind und auch nicht perfekt sein müssen, nur weil sie Flüchtlinge sind. Ihnen sollte man doch das gleiche zugestehen, wie anderen auch.

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  2. das gefühl sehr privilegiert zu sein nur weil ich einen deutschen pass habe kenne ich auch. ob das bei der zollkontrolle im zug an der rumänischen grenze ist (alle anderen werden gefilzt und mies behandelt), an einem ägyptisch-israelischem grenübergang (die grimmigen soldaten sind plötzlich freundlich und zuvorkommend) oder wo auch immer man in schwellen- und 3.-welt-länder reist.
    ich war selber mal flüchtling – von ost- nach westdeutschland – und das hat mich schon an meine physischen&psychischen grenzen gebracht – aber über die ungarisch/östereichische grenze und mit hilfe des malteserkreuzes war das ein witz im gegensatz zu dem was die menschen aus den kriegs- und armutsgebieten dieser welt durchmachen.
    find ich sehr gut dass du das mal ansprichst!!!
    xxxx

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    • Danke Beate, v.a. für den Einblick in deine persönliche Geschichte. Ich denke, viele vergessen, wie viele unter uns selbst Flüchtlinge waren – vor noch nicht allzu langer Zeit.
      und ja, es stimmt. Mit unserem Pass hat man es in vielen Ecken leichter. Einfach nur, weil wir diesen Pass haben und keinen anderen. Glück gehabt, mehr nicht.

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  3. Liebe Ilona,

    diese Gedanken sind mir auch schon so, so oft gekommen. Eigentlich auf jeder Reise und meist auch zwischendurch.
    Das Freiheit eins der größten Güter auf der Welt ist, habe ich schon früh im Leben gelernt. Das hatte damals allerdings nichts mit Ländergrenzen zu tun.
    Dass unser Pass uns die Türen in die ganze Welt öffnet und wir auch (beinahe) überall leben können, ist ein unglaublich großes Geschenk. Doch nur ein Geschenk des Zufalls.Dabei bin ich sogar in der DDR geboren. Manchmal werden Eltern und Großeltern wehmütig, wenn sie sehen wohin wir jetzt in diesem Alter schon überall gereist sind. Dann freuen sie sich aber, dass wir all die Freiheit haben, die sie nie hatten.

    In meinem Herzen reist immer der Gedanke mit, dass es eigentlich gar nicht so selbstverständlich ist, überall hin zu dürfen. Und dann genieße ich es umso mehr.

    Manchmal denke ich mir wie blödsinnig es ist, das eine Ländergrenze sagt wer du bist. Wir leben alle auf einer Erde, die uns allen „gehört“. Wer macht nur diese Unterschiede zwischen mehr wert sein und weniger?
    Leider zeigt die Geschichte ja, dass es schon immer um Territorium ging und darum es zu schützen.Und natürlich um Reichtum…Schade, wirklich schade.

    Umso wichtiger ist es mit Achtsamkeit und Respekt zu reisen. Wenn ich mich daran erinnere wie letztes Jahr in Vietnam, andere Touristen mit den Einheimischen umgesprungen sind, dann graut es mir noch immer. Überheblich und Respektlos. Und warum? Nur weil sie mehr Geld hatten (und Reisefreiheit). Widerlich.
    Wenn unser Pass uns schon alle Türen öffnet, dann sollten wir wenigstens dankbar dafür sein und die Kultur der anderen achten und wertschätzen.

    Ganz viele liebe Grüße Janine

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    • Da hast Du so Recht, Janine. Ich glaube, viele verstehen gar nicht, welche Privilegien sie haben.
      Sie sehen das als selbstverständlich an oder denken, sie hätten diese Privilegien, weil sie ja besonders hart dafür gearbeitet haben – oder was weiß ich – und leiten daraus wiederum andere Ansprüche ab. Finde das auch schrecklich. :-/

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  4. Als ich 2004 erstmals auf Elbas höchstem Berg stand und meinte „Reisen in den Westen hätte ich eigentlich erst als Rentner machen dürfen“ meinte der Partner (Bayer) bloß „aber sonst geht´s dir gut?!“ und die Tochter, Jahrgang 91, schaute auch, als ob Mutter einen ernsthaften Sonnenstich hätte… sie können es halt beide nicht nachvollziehen, dass es Grenzen gab, man nicht einfach reisen konnte. Ich glaub, meine Oma hat es – was das Reisen betrifft- oft bereut, vom Westen der Liebe wegen in den 40er Jahren wieder in den Osten gezogen zu sein. So reise-süchtig wie sie war… als die Grenze wieder offen war, war sie schon bettlägrig.
    Dieser Pass ist ein Privileg – aber einbilden müssen wir uns wirklich nichts drauf.
    Wie oft sag ich Leuten, die schimpfen, dass „DIE“ aller herkommen wollen: es ist nur ein besch… Zufall, dass du hier geboren bist, du hättest auch in einem Slum in Afrika, Indien oder sonstwo zur Welt kommen können und es wäre fraglich, ob du überhaupt noch leben würdest.
    Anstatt auf hohem Niveau zu jammern, sollten sie viel mehr die Möglichkeiten nutzen, die der Großteil der Menschheit überhaupt nicht hat.

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    • so wahr! Ja. Und viele vergessen, dass es auch bei uns in der jüngsten Geschichte Flüchtlinge gab – etwa aus dem Osten – die auch illegal über Grenzen flohen, weil ihr Pass eine legale Ausreise unmöglich machte.

      Danke für deinen Kommentar.

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