Die Welt durch den Sucher sehen

UnbenanntLeidenschaftliches Fotografieren auf Reisen hat nicht unbedingt den besten Ruf. Man würde vor lauter Knippserei doch nicht mal mehr mitbekommen, WAS man eigentlich fotografiert. Fotomanie! Wir „verpassen (…) so ziemlich alles, was wir eigentlich festhalten wollen“, schreibt das SZ-Magazin. Auch wenn es in dem Artikel mehr um Alltagsknippserei statt um Reisefotografie geht – wenn ich den Artikel so lese, dann gebe ich ihnen sogar irgendwie Recht. Wenn man nur noch wie irre drauf los fotografiert, wenn man nur noch mit der (Handy)Kamera vor dem Gesicht herumläuft, dann geht einem Vieles verloren. Trotzdem will ich eine Lanze für exzessive Reisefotografie brechen. Warum? Das lest ihr hier.

Ich fotografiere viel zu viel, das weiß ich. Von zweiwöchigen Reisen komme ich mit circa 2000 Bildern nach Hause. Das sind erschreckende 143 pro Tag, fast 6 in der Stunde und damit etwa alle 10min eines. Allerdings fotografiere ich meines Wissens im Schlaf nicht und damit erhöht sich die stündliche Anzahl gleich wieder auf etwa 9 Bilder. Die meisten meiner Bilder werden hinterher aussortiert. Sofern ich denn nach Wochen endlich dazukomme, die Bilder wirklich durchzusortieren. Trotzdem bin ich der Ansicht, dass ich durch das viele Fotografieren nichts verpasse – im Gegenteil.

Fotografieren schärfte meinen Blick!

Seit ich begonnen habe, intensiver zu Fotografieren habe ich einen ganz anderen Blick entwickelt. Ich sehe nicht mehr nur eine große Kirche oder eine Straße vor mir. Ich habe auf einmal ein Auge für die Feinheiten, für Perspektiven, für Beleuchtungen, für Details.
Ich kann ewig vor der Fassade einer gotischen Kathedrale stehen und alles betrachten und schließlich abwägen, positionieren, arrangieren und meine Fotos schießen. Und nicht selten sagen meine nicht so fotografierwütigen Freunde hinterher beim Betrachten: „Das hab ich überhaupt nicht gesehen! Wo war das denn?“
Ich betrachte viele Dinge genauer – auch einmal von einer andern Perspektive aus, nicht immer nur von Augenhöhe. Ich sehe eher, wie die Sonne Schatten wirft, die einfach wunderschön aussehen.
Ich sage nicht, dass Nicht-Fotografen solche Sachen nicht sehen. Aber ich weiß, dass ich sie vermehrt wahrnehme, seit ich fotografiere.

Detail an der Fassade von Notre Dame

Detail an der Fassade von Notre Dame

Fotos sind Gedächtnisstützen

Meine Fotos vergammeln nicht auf der Festplatte. Ok, die meisten tun das wahrscheinlich. Aber ich liebe es, mir Bilder anzuschauen. Vielleicht tue ich das nicht so oft, wie ich es tun könnte oder sollte, aber ich tue es immer wieder einmal Und dann freue ich mich über die vielen Erinnerungen, die beim Betrachten der Bilder wieder hochkommen. Vieles, an das ich so gar nicht mehr gedacht hatte und mir dann wieder einfällt. Wüsste ich das noch, wenn ich keine Kamera dabei gehabt hätte? Hätte ich mir dann automatisch alles besser eingeprägt, weil ich es nicht festgehalten hätte? Ich glaube nicht.

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beim Scoppio del Carro in Florenz

Ich fotografiere nicht in Dauerschleife

Sprich – ich halte nicht – wie es in dem obengenannten Artikel aus dem SZ-Magazin beschrieben ist – ununterbrochen meine Kamera vors Gesicht. Dazu ist sie mir schon viel zu schwer. Und es gibt auch nicht immer etwas zu fotografieren. Manchmal schieße ich dafür an einer Stelle ein paar Dutzend Bilder. Etwa in Shah-i-Zinda in Samarkand oder in einer prächtigen Kirche.
Und wenn gerade wunderbar die Sonne untergeht, dann bin ich durchaus in der Lage, sie zu fotografieren und dann die Kamera zur Seite zu legen und das Schauspiel einfach still zu genießen.
Und auch bei Konzerten habe ich gar kein Bedürfnis, meine Kamera herauszuholen. Das, was das Konzert ausmacht, kann ich auf Bildern doch eh nicht festhalten.

Sonnenuntergang in der Wüste

Sonnenuntergang in der Wüste

Ich widme mich dem Motiv

Obendrein bin ich nicht damit beschäftigt, in erster Linie zu versuchen, ein tolles Bild von mir selbst in diversen Situationen zu machen, um es augenblicklich auf Facebook hochzuladen. Denn ganz ehrlich: Wenn ich mich mit dem Sonnenuntergang in der Wüste zu fotografieren versuche, drehe ich ihm unweigerlich den Rücken zu. Und wenn ich dann noch gleich posten muss, wie grandios der Sonnenuntergang war – dann blicke ich dabei nur auf mein Display. Wenn ich als Fotograf meine Aufmerksamkeit ganz und gar der zu fotografierenden Sache widme, dann bekomme ich auch etwas davon mit. Und zwar sehr viel.

Tajine bekommt man nicht nur im Restaurant sondern auch auf sämtlichen Märkten

Tajines in Marrakech

Kurz gesagt:
Ich würde also durchaus dem Artikel des SZ-Magazins zustimmen: Wir müssen aufpassen, dass wir nicht vor lauter Knippsen das Genießen vergessen.
Aber ich relativiere die Aussage dahingehend: Mit dem richtigen Fotografieren, mit dem wirklich sich bewusst und intensiv dem Motiv zuwenden, verpassen wir nichts, sondern entdecken auf einmal Dinge, die uns vorher vielleicht gar nicht so aufgefallen wären.

Und wie handhabt ihr es mit der Reisefotografie?

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Mein Beitrag zum vierten Wort „Bild“ im [*.txt]-projekt von neonwilderness.

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27 Gedanken zu “Die Welt durch den Sucher sehen

  1. Bei mir ist die Fotografie die kleine Schwester der Schreibkunst. Ich würde es gerne sehr viel besser können. Immerhin schon mehr Fotografie als knipsen. 🙂

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  2. Da stimme ich dir in den meisten Punkten zu, besonders der Blick für die Details ist durch den Sucher doch ein ganz anderer. Und ja: besonders schöne Motive kann ich auch zig-mal ablichten – und trotzdem (oder erst recht?) bewusst wahrnehmen. Wildes Dauerknipsen (und womöglich sofortiges Posten) ist was anderes und steht dem intensiven Erleben wohl tatsächlich im Wege.
    Liebe Grüße
    Christiane

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  3. Schöner Artikel! Ich sehe es ähnlich wie du. Durch das Fotografieren ist der Blick geschärft und man nimmt viel intensiver wahr. Allerdings merke ich selbst wie es manchmal mit mir „durchgeht“ und ich krampfhaft versuche das perfekte Bild zu machen. Vielleicht sollte man auch mal einen Tag ohne Kamera auf einer Reise einlegen.

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    • oja, das kenne ich. v.a. wenn es schwierige Lichtverhältnisse sind, da kann ich mich manchmal echt ärgern, dass man diesen tollen Anblick nicht aufs Bild bannen kann.
      Ein fotofreier Tag wäre wohl mal mein Detox, da ich auf Internet und Co ganz gut verzichten kann – gerade im Urlaub. Aber ich fürchte, der fotofreie Tag würde mir WIRKLICH schwer fallen. Und ich würde all den Motiven nachtrauern, die ich nicht verewigt habe :-O

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  4. Ich gebe Dir absolut recht, dass Fotografieren den Blick schärft (wobei sicher jede(r) auch anders fotografiert). Wir sprechen vermutlich nicht von Menschen, die blind Dinge „runterknipsen“, dann schärft sich natürlich gar nix. Auch der Perspektiv-Wechsel ist ein guter Aspekt.
    Für mich würde ich sagen, dass das Fotografieren den Eindruck eines Ortes sogar intensiviert und nicht von der Realität fernhält. Abgesehen davon, tue ich es für mich, weil es mir Spaß macht. So falsch kann es also gar nicht sein. 😉

    Im Übrigen finde ich, musst Du Dir mit 2000 Bildern in 2 Wochen überhaupt keine Sorgen machen. Ich bin zur Zeit an meinen „besten Tagen“ schon bei über 1000 Fotos am Tag angekommen. Und ich gebe zu, dass es natürlich schon auch Arbeit ist, am Abend (und ich zwinge mich tatsächlich, es am gleichen Tag zu tun, da sich sonst eine zu große Menge anhäuft) die Fotos zu sortieren und auszusieben.
    Aber ich würde es nicht machen, wenn es mir nicht so viel geben würde. Nichts ist größer, als die Freude, ein schönes Motiv zu finden oder hinterher anzuschauen, wie der Lichteinfall in einem bestimmten Augenblick war oder wie die Farben leuchteten oder die Kamera einen Blick in dem Bruchteil einer Sekunde einfing. Und ja, es sind Erinnerungen, die für immer sind.
    Nur bei Einem muss ich eine andere Antwort geben: Ob ich bei einem tollen Sonnenuntergang wirklich die Kamera weglegen könnte…. ich bezweifle es. Aber du schreibst ja: Erst fotografieren, dann Kamera weglegen. 😉

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    • Ich reise ja leider nicht so viel wie ich gerne würde – daher ist bei meinen Reisefotos tatsächlich immer ein klitzekleines bißchen „Zwang“ dabei…so nach dem Motto: Das muss jetzt ein tolles Foto werden, weil du wahrscheinlich NIE wieder hier hinkommen wirst.
      Andererseits ist es mir dann oft zu lästig, die schwere Kamera mitzuschleppen und dann kann ich doch ganz gut ohne 😉

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    • haha, bei mir ists immer so, dass ich – wenn ich die schwere Kamera nicht dabei habe – mich ununterbrochen ärgere. „DAS wäre doch jetzt ein tolles Motiv und jetzt hast du nur die lumpige Kompaktkamera dabei“. Da bin ich leider leider der Typ, der sich wirklich auch einen schönen Urlaubstag vermiesen lässt, wenn ich nicht die Bilder schießen kann, die ich schießen möchte. Ja, das ist die negative Seite an der Fotowut 😉

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    • Danke für den ausführlichen Kommentar. Ja, da geb ich dir recht 😉 Natürlich ERST fotografieren, dann weglegen 😀 Ein bisschen eine Sucht ist es ja schon, das Fotografieren bei mir zumindest. Das geb ich ganz ehrlich zu. Und manchmal gerate ich in den absoluten Rausch. :-O
      Allerdings werden die Bilder erst zuhause aussortiert. Ich muss sie dazu groß am Computer sehen können, um zu sehen, welche Belichtung jetzt die bessere ist, welche Blende, welcher Fokuspunkt etc. Das kann ich auf dem kleinen Display nicht erkennen .

      „Nichts ist größer, als die Freude, ein schönes Motiv zu finden oder hinterher anzuschauen, wie der Lichteinfall in einem bestimmten Augenblick war oder wie die Farben leuchteten oder die Kamera einen Blick in dem Bruchteil einer Sekunde einfing. Und ja, es sind Erinnerungen, die für immer sind.“

      Schön gesagt 🙂

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  5. mir ist das selbst einmal passiert. bei meinem ersten paris-aufenthalt. da habe ich alles erst daheim am pc gesehen. da hab ich mir geschworen: das passiert mir nicht wieder! aus amerika habe ich deswegen verhältnismäßig (!) wenig fotos mit nachhause gebracht, weil ich sehen, erleben und fühlen wollte, ohne ununterbrochen die kamera vor dem gesicht zu haben. allerdings genau soviel, um diese guten dinge, die fotografie auslöst, mitzunehmen. den scharfen blick und die gedächtnisstütze, vor allem!

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  6. schöne bilder! bei mir ist es auf reisen eher so, dass ich mich tagweise entscheide: nehm ich die kamera mit, dann schau ich – wie du so treffend beschreibst – anders (und bin meist lieber allein dabei), lass ich sie im hotel/zu hause, ist es für die anderen besser;-)

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  7. Toller Beitrag, den kann ich so unterschreiben.

    Ich lege auch immer mal kamerafreie Tage ein. Ja, ich hin sogar schon ohne Kamera durch Las Vegas gelaufen. Na gut, war auch der dritte Tag da. 😉

    LG Thomas

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    • Na, das krieg ich nicht hin – kamerafreie Tage im Urlaub? Ich würde mich dann doch ärgern, dass ich einige gute Motive nicht festhalten kann 😉 Aber zeitweise habe ich die Kamera im Rucksack und wenn ich mir dann die Mühe mache, sie rauszuholen, dann muss das Motiv wirklich gut sein 😀

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  8. Ein interessanter Artikel! Wie bei eigentlich allem braucht man ein für sich selbst gesundes Mittelmaß. Ich mag es zum Beispiel auch nicht so gern, wenn ich irgendwo bin und (ohne Kamera vorm Gesicht) etwas auf mich wirken lasse und dann kommen da Leute angerannt und es geht nur „klick, klick, klick“ und schon sind sie auch wieder weg. Das ist mir auch zu übertrieben. Aber letztendlich muss das ja jeder für sich selbst entscheiden. Ich habe immer meine Kamera dabei, aber fotografiere nicht wie Du geschrieben hast, in „Dauerschleife“.

    Viele Grüße
    Sarah

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    • ja, auf das gesunde Mittelmaß kommt es an, wie so oft. Auch wenn ich nicht immer behaupten will, dass ich es gefunden habe 😀
      Aber wie du sagst, die Leute, die nur schnell klick-klick-klick ein Beweisfoto machen und dann wieder verschwinden, ohne die Atmosphäre überhaupt genossen zu haben – die kann ich auch nicht verstehen. (wie Leute, die bei Zeremonien jeder Art tatsächlich ein Selfie von sich machen O.o )

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  9. Sehe ich alles ganz genau so. Mir ist es auch schon passiert, dass ich zu Hause verwundert gefragt wurde wie und wo ich „das“ gesehen habe.
    Fotografieren öffnet die Augen. Ich bin ständig auf der Suche nach Motiven und scanne deshalb immer alles genau ob. Sonst könnte ja ein Motiv übersehen werden 🙂
    Aber bei all dem muss ich schon manchmal aufpassen, es nicht zu übertrieben. Manchmal will ich einfach ein noch besseres Bild, auf Teufel komm raus. Selbst dann, wenn ich eigentlich weiß, dass es nicht geht. Das nervt manchmal auch ein bisschen. Aber so entwickelt man sich weiter 🙂

    Liebe Grüße,
    Marc

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    • jaja, das kenne ich. Manchmal denkt man sich: Das ist sooo schön hier, das muss sich doch aufs Bild bannen lassen. und dann hat man zwei Dutzend Bilder des gleichen Motivs mit immer anderer Belichtung und nichts davon ist wirklich zufriedenstellend 😀

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  10. Hallo Ilona,
    vielen Dank für Deinen Artikel. Ich gebe Dir vollkommen Recht. Es ist ein großer Unterschied, ob ich „Knipse“ oder „Fotografiere“. Richtiges Fotografieren schärft das Auge und wir achten auf viele Details. Genau wie bei Dir ist meine Fotografie mein elektronisches Tagebuch.
    Viele Grüße
    Stefano

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  11. Hat dies auf Reisekladde rebloggt und kommentierte:
    Liebe Reisekladdefreunde, in meiner Serie Reisetagebücher schreiben darf eigentlich das Thema Fotografieren überhaupt nicht fehlen, da ich mich da aber wirklich nicht als Expertin bezeichnen kann, reblogge ich hier einen Artikel von Ilona von wandernd, der mir sehr gefallen hat. Lest selbst!

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  12. Ich muss dir hier definitv zustimmen! Ganz viele Dinge hätte ich eventuell niemalswahrgenommen,würde ich nicht mit einem Auge immer nach tollen Fotomotiven schauen! 🙂

    Aber wahrscheinlich ist es hier wie so oft im Leben – die Mischung machts!

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    • Danke für den Kommentar 🙂 Ja, man bekommt einen ganz eigenen Blick für alles Mögliche, für Details und Stimmungen wenn man leidenschaftlich fotografiert.

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  13. Pingback: Meine schönsten Fotos 2015 / 2 | wandernd

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